Flexibel, mobil sucht Projektfinanzierung

8. Juni 2010, 17:09
posten

Eine Tagung über Umbrüche und Lebenswirklichkeit im Forscheralltag

Bis zum 11. 6. dauert in Wien die Konferenz "Risky entanglements? Contemporary research cultures imagined and practised" , organisiert von Ulrike Felt vom Institut für Wissenschaftsforschung der Universität Wien. Zweieinhalb Tage lang werden sich die Wissenschaftsforscher den "riskanten Verstrickungen" in der heutigen Forschung widmen. Sie werden die rezenten Umbrüche in der Forschungslandschaft analysieren und fragen, was das gerade für die Lebenswirklichkeit der Forscher bedeutet.

Zu diesen Umbrüchen gehört die "Projektifizierung" der Wissenschaft. Forschung findet heute ganz überwiegend nur mehr im Rahmen zeitlich begrenzter Projekte statt. Ehrgeizige Zielvorgaben, der permanente Druck, Artikel in guten Journalen zu publizieren, ständige Evaluation und bereits das Schielen auf das nächste Projekt bestimmen den Laboralltag. Und gerade für Postdocs gilt: Bitte immer schön flexibel und mobil sein, sonst wird das nichts mit der Karriere.

Gleichzeitig wird von Forschern erwartet, besonders in den Lebenswissenschaften, dass sie auch über die ethischen Implikationen ihrer Arbeit reflektieren und der Öffentlichkeit erklären, was Sinn und Zweck des Ganzen ist. Man spricht von der "Medialisierung" der Forschung, zu der sich ein zweiter Trend gesellt: deren Ökonomisierung. Immer mehr Wissenschafter forschen außerhalb der Uni etwa in Biotechfirmen. Schon seit mehr als 30 Jahren versuchen die Wissenschaftsforscher, in sogenannten Laborstudien zu ergründen, wie Erkenntnis zwischen Reagenzglas und Ultrazentrifuge genau entsteht. Diese Methoden wie Alltagsbeobachtung und Interviews stammen aus der Ethnografie. Es gibt ein Bonmot, wonach sich Wissenschafter für Wissenschaftsforscher ungefähr so sehr interessieren wie Vögel für Ornithologen. Diese Polemik stammt aber aus einer Zeit, in der manche Naturwissenschafter das Gefühl hatten, ihre Arbeit werde durch den Blick hinter die Laborkulisse entzaubert.

Dass bei Neubauten nicht nur auf Top-Labors, sondern auch auf eine einladende Cafeteria geachtet wurde, verdankt sich der Einsicht, dass gerade der informelle Austausch zwischen Forschern wichtig für das Entstehen neuer Ideen ist.

Und gerade die Innovation ist ja zum heiligen Gral der Wissenschaftspolitik geworden, und zwar auf nationaler wie auch auf EU-Ebene. Der beste Beleg dafür, dass die Wissenschaftsforscher mittlerweile im Zentrum angekommen sind, ist die Berufung der renommierten Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny zur Präsidentin des European Research Council im Februar dieses Jahres. Nowotny hatte 1987 an der Universität Wien das Institut für Wissenschaftsforschung gegründet. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Printausgabe, 09.06.2010)

Veranstaltungstipp

"Risky entanglements?" , 9.-11. 6., Albert-Schweitzer-Haus, 1090 Wien, Schwarzspanierstr. 13.

Dort findet Mittwoch ab 18 Uhr die Podiumsdiskussion zum Thema "Brave New Research Worlds?" statt. Mit Ulrike Felt, Helga Nowotny, der Linguistin Ruth Wodak, "Nature" -Chefredakteur Philip Campbell und dem Leiter des Zentrums für Molekulare Medizin in Wien, Giulio Superti-Furga.

Share if you care.