Perfekt vorhörbar

8. Juni 2010, 17:01
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Till Fellner beschließt seinen Beethoven-Zyklus

Wien - Es kam zu früh. Dieses "a tempo" gegen Ende des A-Teils des zweiten Satzes von Opus 110, welches einem dreitaktigen Ritardando folgt: Es kam einen Tick zu früh, fast wie ein Faustschlag, den man unerwartet in den Magen gedonnert bekommt. Man dachte sich: uff. Und: großartig.

Alles andere in dieser Klaviersonate wie auch ihrer Vorgängerin und ihrer Nachfolgerin war am allerrichtigsten Platz. Stimmenbalance, melodische Linienführung und Klangarbeit: perfekt. Perfekt im Zaum gehalten. Perfekt vorherhörbar.

Ja: Ludwig van Beethoven war ein allgewaltiger musikalischer Architekt, ein Tüftler und Motiv-Forscher, und diese Seite des Komponisten stellte Pianist Till Fellner im Abschlusskonzert seines Zyklus aller 32-Beethoven-Sonaten im Wiener Konzerthaus auch klar und nachvollziehbar dar. Aber Beethoven war auch eine Eruptivgewalt; Seine Musik kocht, brodelt, schreit und rempelt an. Doch unter dem glatten Marmor der Beethoven-Darstellung des Enddreißigers blieben nur selten pulsierende Blutbahnen erahnbar.

Die Arietta der Sonate Opus 111 blieb seltsam stimmungslos ... Wo sich nach dem drängenden, kantigen ersten Satz - der letzten Manifestation Beethoven'schen Furors in seiner Klaviermusik - oft unfassbar zauberische Momente ereignen, wenn das sanfte, sachte Wiegen der Arietta einsetzt, in welcher Beethoven wie mit einem Lächeln auf die wüsten Stürme seines Lebens zurückblickt, dort führte Till Fellners Akkuratesse leider geradewegs in eine atmosphärische Leere.

Das Fazit: Es war quasi eine summa cum laude absolvierte Reifeprüfung eines Musterschülers, der vielleicht nun den Handgreiflichkeiten des Lebens vermehrt Einlass in seine Kunst gewähren sollte. (Stefan Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 09.06.2010)

 

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