Gitarrenmatura und Wachkoma

8. Juni 2010, 16:59
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Eric Clapton und Steve Winwood gemeinsam und live in der ausverkauften Wiener Stadthalle am vergangenen Montag

Wien - Die Verdienste von Steve Winwood und Eric Clapton sind amtlich beglaubigt. Ersterer hat sich mit der Spencer Davis Group, Traffic, Go und als Solokünstler in die Musikgeschichte eingeschrieben, Zweitgenannter mit den Yardbirds, einem Gastspiel bei John Mayall's Bluesbreakers, Cream und solo - beide zusammen mit der Band Blind Faith. Sie haben Abermillionen Alben verkauft und sich über vier Dekaden einen Ruf als Hochadelsfürsten gepflegter Unterhaltungsmusik mit Blues-Breitseite geschaffen.

Als Masseverwalter des eigenen Erbteils stehen der 65-jährige Clapton und der 62-jährige Winwood zurzeit wieder auf Großbühnen und versorgen ihr Publikum mit dem Süßstoff des Alters, der Nostalgie. Gemessen daran, und nur daran, war der Auftritt der beiden britischen Superstars am Montag in der ausverkauften Wiener Stadthalle ein Triumph. Schon beim Einstand Had To Cry Today, gesungen von Winwood, fidelte sich Clapton ins Gitarrensolo-Nirwana. Für derlei Fingerübungen gab es jazzigen Zwischenapplaus. In der Generation - auf wie vor der Bühne - zählt Handwerk halt noch etwas.

Es folgte die gemütlich rollende Boogie-Sichtung Low Down, dann der Hit After Midnight, das beschleunigte Well All Right, und so ging es über ein viel beklatschtes Crossroads, ein Akustikset mit Stücken wie Layla oder How Long bis zum unvermeidlichen Gassenhauer Cocaine - und dann weiter zum finalen Dear Mr. Fantasy. Jubel. Trubel. Klasse Burschen.

Eigentlich war aber spätestens bei Tuff Luck die (heiße) Luft draußen. Selten hat man einen behäbigeren Bombast-Blues erlebt, bei dem Clapton - Hornbrille, graue Damenfrisur, Gitarrenmatura - eines jener Soli spielte, für die ihn die Musikschullehrer dieser Welt verehren. Eine nachvollziehbare Interaktion fand auf der Bühne nicht statt. Wozu auch? Dafür kennen sich beide zu gut - wie eine Schlaftablette ihre Packungsnachbarin. Blind Faith. Das ergab die Live-Anmutung zweier pragmatisierter Blues-Exekuteure beim Schuldeneintreiben. Dabei war die eigene Säumigkeit beachtlich: Routine! Fadesse!

Narkoseschwester Clapton würgte die Gitarre auf Autopilot und bewegte sich wie ein Tanzbär im Wachkoma. Winwood bemühte sich an der Mehrterrassen-Orgel um Gefühl - Georgia On My Mind -, heraus kam Geplätscher, abgerundet vom vergeudeten Talent des weiblichen Chorgesangs sowie den behäbigen Klopfgeräuschen des Schlagzeugers.

"Lest doch lieber Bücher auf euren Landsitzen!" oder "Züchtet doch Orchideen!" wollte man da rufen. Allein - das hätte in diesem Saal wohl physischen Schmerz bedeutet.

Schreibt man's halt.

(Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 09.06.2010)

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