Klangstrudel mit Soße

8. Juni 2010, 16:49
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Thielemann und die Münchner Philharmoniker

Wien - Christian Thielemann und sein Publikum, besser gesagt: dessen lautstarker Teil, pflegen eine bestens eingespielte Beziehung. Gleich mit welchem Orchester, mit welchem Programm, gleich auch mit welcher Leistung der Deutsche auftritt, stets löst er reflexartige Jubelstürme aus.

Nicht anders war es am Rande eines Richard-Strauss-Programms bei den Festwochen-Konzerten im Musikverein: Als das Orchester bereits abgegangen, der Applaus schon fast verebbt war und der Kapellmeister nochmals auf die Bühne geholt wurde, war die Grenze zum Personenkult zum Greifen nah - vor allem deshalb, da sich die Verzückung erst nach und nach aufgebaut hatte und gar nicht unmittelbar aus der eigentlichen Aufführung resultierte.

Als die Alpensinfonie verklungen war, blieb die Zustimmung erst einmal minutenlang auf jenem verhaltenen Niveau, das ihrer Wiedergabe mit den Münchner Philharmonikern eigentlich recht gut entsprochen hätte. Denn nüchtern betrachtet, handelte es sich um eine respektable, aber keineswegs hervorragende Aufführung der gigantischen Tondichtung mit unüberhörbaren Stärken, aber ebenso wenig wegdiskutierbaren Schwächen, vom nicht immer blitzblanken Orchester, vor allem im Blech, bis hin zur gestaltenden Hand des Dirigenten.

Natürlich verstand es Thielemann auch hier, streckenweise einen mitreißenden Klangstrudel zu entfachen, das volltönende Orchestertutti wirkungsvoll an einem Strang ziehen zu lassen. Was dabei allerdings zumeist auf der Strecke blieb, war - besonders bei vielstimmigen Stellen - die Transparenz: Beispielsweise waren bei der "Wanderung neben dem Bache" die fließenden Läufe der Holzbläser und Streicher kaum auszunehmen.

Blass und unkonturiert

Bei etlichen Stellen, wo der Komponist eigens vermerkte, dass bestimmte Stimmen hervortreten sollen, war gerade das nicht der Fall. Stattdessen wurden die raffinierten Metamorphosen des omnipräsenten Wanderthemas mit breiten Tempi in die üppige Soße eines oft breiigen Klangs getunkt.

Vor der Pause hinterließ das Oboenkonzert mit der Solooboistin der Münchner, Marie-Luise Modersohn, einen blassen und unkonturierten Eindruck - auch dank eines unmotiviert wirkenden Dirigenten, der weder dafür sorgte, harmonische Farbtupfer zur Geltung zu bringen, noch überhaupt einen reibungslosen Ablauf zuwege brachte. Stattdessen klang es, einschließlich einiger staunenswerter Wackler, eher wie Dienst nach Vorschrift. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 09.06.2010 )

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