Streit um Mendels Manuskript

8. Juni 2010, 16:51
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Wem Gregor Mendels berühmtes Manuskript "Versuche über Pflanzenhybriden" gehört, ist umstritten

Wissenschaftshistoriker lässt das kalt - sie interessieren sich mehr für die Labortagebücher.

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Die New York Times widmete der Affäre einen ausführlichen Artikel und auch der deutsche Focus stellte Nachforschungen an. Und so verbreitete sich die Neuigkeit letzte Woche gar bis nach Österreich. Die deutschen Nachfahren von Gregor Mendel (1822-1884) streiten sich mit den Wienern Augustinern darum, wem das berühmte Manuskript "Versuche über Pflanzenhybriden" gehört.

Der Text, 1865 von Mendel in seinem Kloster im tschechischen Brünn vorgetragen und 1866 erstmals publiziert, markiert die Geburt der modernen Genetik. Das Manuskript wäre 1911 beinahe im Papierkorb gelandet und ist erst vor einigen Jahren wieder aufgetaucht. Jetzt hat das Wissenschaftsministerium in Baden-Württemberg die Ausfuhr von Stuttgart zum Augustinerorden nach Wien gestoppt und prüft, ob es sich dabei um "schützenswertes Kulturgut" handelt. Mittlerweile hat auch Tschechien Besitzansprüche gestellt.

Nun, die Wissenschaftshistoriker lässt diese "Sensation" eher kalt. Denn die Handschrift war ja lediglich die Vorlage für den Druck in der Zeitschrift des Brünner Naturforschenden Vereins. "Natürlich ist das Manuskript eine Kostbarkeit für jedes Museum. Aber von dessen Auswertung ist wohl nichts Relevantes zu erwarten" , sagt Hans-Jörg Rheinberger, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

Etwas völlig anderes wäre es, wenn die Versuchsprotokolle Mendels auftauchten, also Aufzeichnungen darüber, wie er zwischen 1856 und 1863 Tausende von Erbsenpflanzen kultivierte und kreuzte.

Die Wissenschaftsgeschichte hat in den letzten Jahren Labortagebücher als wahre Schatzgrube entdeckt. Denn anhand dieser hingekrakelten Aufzeichnungen auf vergilbten Blättern lassen sich die Irrwege der Forscher, die Brüche und Wendungen in ihrem Erkenntnisprozess nachzeichnen. Hier werde die "Nachtseite der Wissenschaft" sichtbar, die nicht auf Konsistenz poliert ist wie die spätere Publikation. Wie ein Wissenschafter zu einer Erkenntnis gelangt, unterscheide sich grundlegend davon, wie diese Erkenntnis lautet.

Dass man den Erkenntnisweg Mendels nicht kennt, führte sogar zu Fälschungsvorwürfen. Statistikern wie dem US-Amerikaner R. A. Fisher kamen die publizierten Ergebnisse zu "rund" vor; sie lägen zu nahe an den idealen Mittelwerten. Mit derlei Vorwürfen können die Wissenschaftshistoriker von heute nichts mehr anfangen, so Rheinberger. Dass Mendel betrogen hätte, hält er für ausgeschlossen. Fishers Kritik sei von der Brille des Statistikers geprägt. Für einen praktizierenden Wissenschafter hingegen stelle sich bei der Auswertung experimenteller Daten immer die Frage, welche er für "Ausreißer" hält und welche nicht. Gerade die Ausrutscher in den anschließenden Berechnungen drinnen zu lassen würde zu Verzerrungen führen. "Der Wissenschafter wird von einer Idee geleitet und wählt deshalb aus der Menge der erzeugten Daten aus" , sagt Rheinberger.

Lückenhafte Aufzeichnungen

Der Wissenschaftshistoriker hat sich selbst eingehend mit den Aufzeichnungen des deutschen Botanikers Carl Correns aus den Jahren 1894 bis 1899 beschäftigt. Correns gilt heute als einer jener drei Botaniker, die Mendel im Jahre 1900 unabhängig voneinander wiederentdeckten (dessen Aufsatz von 1866 war fast keine Beachtung geschenkt worden). Correns Protokolle seiner Kreuzungsversuche mit Mais und Erbsen sind freilich eine äußerst mühsame Lektüre: durchsetzt mit Kürzeln, nur teilweise datiert und voller Auslassungen. Bevor Rheinberger in die Wissenschaftsgeschichte wechselte, forschte er viele Jahre als Molekularbiologe: "Ohne meine eigene Erfahrung in der Anfertigung von Protokollen hätte ich diese Aufzeichnungen nie verstehen können."

So aber konnte er zeigen, wie Correns zunächst eine völlig andere Fragestellung verfolgte und sich erst allmählich auf Mendels Frage der Merkmalsvererbung und deren Quantifizierung konzentrierte. Später behauptete Correns, die Lösung sei ihm nach einer durchwachten Nacht Ende 1899 wie ein "Blitz" gekommen, und er habe erst kurz darauf Mendels Publikation von 1866 gelesen. Rheinberger fand jedoch in seinen Aufzeichnungen ein entsprechendes Exzerpt des Aufsatzes vom April 1896. Er glaubt freilich nicht, dass Correns gelogen habe. Vielmehr habe er die Lektüre wohl vergessen, weil er 1896 noch gar nicht Mendels Fragestellung verfolgt hatte. Rheinberger vermutet, dass er den mittlerweile so berühmten Text aber wohl unbewusst gespeichert hatte. Dazu liegen freilich keine Aufzeichnungen vor. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Printausgabe, 09.06.2010)

 

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    Der Augustinermönch Gregor Mendel (unten) markierte mit seinen Versuchen die Geburt der modernen Genetik. Sein Mikroskop ist erhalten, nicht aber die Protokolle, die zu seinen Erkenntnissen führten.

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