Nachlese 2010

"Manchmal denke ich, es ist ein Woody-Allen-Stück"

08. Juni 2010 16:48
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    Foto: apa

    Helena (Birgit Minichmayr) in griechisch-ägyptischer Gefangenschaft, der sie mit Glück, Brutalität und Mann entkommt.

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Birgit Minichmayr: Euripides'/Handkes "Helena" lehnt den Krieg ab, doch die ihr dadurch zuteil werdende Aufmerksamkeit taugt ihr

Im Vorfeld sprach Birgit Minichmayr mit Margarete Affenzeller.

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Standard: Peter Handke betont in seiner Übersetzung aus dem Altgriechischen den Aberwitz an der Geschichte: Der Trojanische Krieg wird aufgrund eines Phantombildes der schönen Helena begonnen. Ist das nicht eine Komödie?

Minichmayr: Absolut. Meist beginnen Dramen ja im Licht und führen hinein ins Dunkel. Hier ist es umgekehrt. Es geht vom Tragischen ins Triviale, ins Groteske. Handkes Helena liegt zwischen Küche und Götterwelt, das macht sie einmalig. Ich hoffe, dass uns dieser Spagat gelingt. Am Anfang steht der Schmerz, als sie erfährt, dass ihr Mann ihretwegen einen Krieg gegen Troja losgebrochen hat, dass sich ihre Mutter erdrosselt hat, ihre Brüder angeblich gegenseitig geschlachtet haben. Und das alles nur wegen dem Eidolon, dem Trugbild! Manchmal denke ich, dass es sich um ein Woody-Allen-Stück handelt, auch vom Psychologischen her. Euripides war ein großer Frauenpsychologe.

Standard: Es geht um die zerstörerische Macht des Begehrens?

Minichmayr: Ja, als Ausgangspunkt. Im zweiten Teil kommt man dann eher zu den ganz normalen Eheproblemen: ,Was hast du gemacht in den letzten 17 Jahren? Bist du mir treu geblieben?‘ Und dann die abenteuerliche Flucht von der Insel. Das Absurde ist: Helena beweint das viele Blut, das für sie bzw. ihr Phantom vergossen worden ist, zugleich aber sind ihre Schlachtrufe dann die grausamsten. Sehr ambivalent, diese Frau! Dahinter steckt auch ziemlich viel Selbstmitleid. Die Aufmerksamkeit war ihr ja dennoch nicht so unrecht.

Standard: Antike Dramen stecken voller Gefühlssuperlative ...

Minichmayr: Ja, die Stimmungsimperialisten ...!

Standard: Genau. Viele Schauspieler trauen dem heute nicht mehr über den Weg. Sie schon.

Minichmayr: Es stimmt natürlich, dass es da eine Veränderung gab. Es ist nicht mehr schick, das authentische Gefühl zuzulassen bzw. das echte Gefühl im unechten. Es ist eher die Tendenz zum Performen da.

Standard: In Handkes Übersetzung sind, um der Emotion auf die Beine zu helfen, Sätze implementiert wie z. B.: "Was für Töne sollen herausbrechen aus mir?" Eine sehr zeitgenössische Form, nicht?

Minichmayr: So habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber es stimmt, es gibt Sätze, die sind Vorbereitungen auf ein Gefühl bzw. reflektierend: Wie reagiere ich adäquat auf die schmerzvolle Information, die ich soeben erhalten habe?

Standard: Welche "Weisheiten" von der Schauspielschule haben Ihnen am meisten geholfen?

Minichmayr: Wichtig für mich waren die frühen Praxiserfahrungen "draußen" . Klaus Maria Brandauer hat uns schon im zweiten Jahr mit nach Altaussee genommen. Und ich danke ihm, dass er mir den direkten Ton beigebracht hat.

Standard: Was ist der direkte Ton?

Minichmayr: Dass man das auch meint, was man sagt. In all seiner Komplexität. Ich bin da sehr empfindlich, wenn die Haltung zum Gesprochenen fehlt und das Spiel zur Attitüde verkommt. Das bleibt dann ein Sprechgesang.

Standard: Der Körper einer Schauspielerin ist immer auch sexuell konnotiert. Nervt Sie das manchmal?

Minichmayr: Im Theater hat man es mehr in der Hand als im Film. Es hängt auch von den Regisseuren ab. Generell nervt mich manchmal schon der Schönheitsdruck auf Frauen. Das sind doch oftmals nur Projektionen - die der Gesellschaft oder des Mannes.

Standard: Das Theater ist nun aber von Männern dominiert.

Minichmayr: Aber ich bin ja keine Sklavin. Wenn ich etwas nicht möchte, kann ich das diskutieren; ich muss nicht dauernd in Unterwäsche herumlaufen. Bei Helena ist die große Frage: Was könnte da die Erotik sein? Sicher keine schwache! Ich habe nichts dagegen, wenn Frauen auf der Bühne sexy sind. Manchmal ist es ja auch reizvoll, so etwas zu spielen.

Standard: Man legt auf der Bühne den "zivilen Körper" (Valère Novarina) ab?

Minichmayr: Man hat acht Wochen Zeit, sich den Körper zu erarbeiten. Und die hängenden Schultern der Marianne (aus "Geschichten aus dem Wiener Wald" , Anm.) wird Helena nicht haben! Aber es gibt auch Schauspieler, die mit ihrem zivilen Körper auf die Bühne gehen, und das ist nicht immer schlecht. Das muss kein Qualitätsverlust sein. Sepp Bierbichler ist so einer. Er ist zu seiner Einmaligkeit durchgedrungen. Dazu braucht es ein starkes Ich. Und davon lebt das Theater.

Standard: Sie waren dreieinhalb Jahre an der Volksbühne. Was haben Sie aus Berlin mitgenommen?

Minichmayr: Vor allem habe ich die Stadt mitgenommen. Es war aber auch die Theaterarbeit sehr prägend, z. B. die erste Arbeit mit René Pollesch oder Frank Castorf. Am meisten hat mir aber gefallen, dass die Schauspieler dort so autonom wirken. Und ihre exzentrische Ausdrucksweise. Das hat total Spaß gemacht.

Standard: Warum sind Sie zurückgekommen?

Minichmayr: Das Ensemble hat sich zerschlagen. Ganz viele Leute sind weggegangen. Das war dann auch für mich eine Auflösung. Ich vermisse Berlin sehr. Wien ist eingeschlafen und gemütlich. Auch die Kunstsparten haben in Berlin viel mehr Austausch miteinander.

Standard: Haben Österreicher aufgrund ihres Idioms weniger Chancen am Reinhardt-Seminar?

Minichmayr: Das hat überhaupt nichts mit Sprache zu tun, sondern mit Talent und Willen. Da hätte ich bei der Aufnahmeprüfung überhaupt keine Chance gehabt. Ich war ja ein totales Dialektkind. Mir wird ja mittlerweile oft der Vorwurf gemacht, ich spreche zu deutsch, ich hätte mich zu sehr assimiliert. Aber hätte ich das nicht gemacht, hätte ich einen Film wie Alle anderen nicht drehen können. Sollen sie sich daran stoßen; mir ist es ehrlich gesagt wurscht. Am Anfang habe ich sicher sehr komisches Hochdeutsch gesprochen. Meine armen Freunde! Wenn ich zu Hause in Linz bin, rede ich sowieso wie früher. Aber ehrlich gesagt finde ich dieses Thema müßig.

Standard: Sie spielen ab diesem Sommer die Buhlschaft. Nicholas Ofczarek war Ihr Wunschkandidat. Haben Sie ihn besetzt?

Minichmayr: Ach Quatsch, ich hab ihn mir gewünscht. Besetzt war er schon vorher.

Standard: Dann gibt's nach "Helena" keine wirkliche Pause?

Minichmayr: Nein. Ich weiß auch nicht, was mir da wieder eingefallen ist. Anscheinend brauch ich's.

(DER STANDARD/Printausgabe, 09.06.2010)

Zur Person:
Birgit Minichmayr (33) ist Theater- und Filmschauspielerin. Nach "Helena" und der Buhlschaft im Salzburger "Jedermann" spielt sie 2011 an der Burg die "Lulu" .

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14 Postings
Quintus Beckloeffel
09.06.2010 17:16
Spannend ist vor allem ihre verstörende Genauigkeit...

http://www.youtube.com/watch?v=u5K_AuL9ZnM

hawkwind -
09.06.2010 13:46
Unprätentiös und talentiert

Eine Kombination, die nicht häufig anzutreffen ist - bei ihr jedoch sehr stark. Man kann ihre Auftritte genauso in der Burg genießen, wie bei Sterman und Grissemann.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
09.06.2010 11:42
THE MGT.
10.06.2010 08:21
hawkwind -
09.06.2010 13:43
Kultur für jede/n

Probieren Sie´s mal mit

http://www.youtube.com/watch#!v=... re=related

Thomas Rothschild
 
09.06.2010 10:13
Bravo

Die hängenden Schultern der Marianne und der zivile Körper des Sepp Bierbichler: genau dies markiert die Spannbreite der Schauspielkunst. Man kann diesen oder jene bevorzugen oder, wie eine kluge Schauspielerin, erkennen, dass beide Möglichkeiten ihre Faszination haben. Nur eins ist sträflich: eine Theaterkritik, die solche Unterscheidungen nicht zu treffen und zu formulieren vermag, der es an Begeisterungsfähigkeit und Liebe mangelt - zu den hängenden Schultern, zu Bierbichlers Präsenz oder, am besten, zu beidem.

Belacqua
08.06.2010 21:47

Tolle Schauspielerin...

franz sackbauer
09.06.2010 10:01
mir geht dieses

gequatsche, von wegen männer üben immer den druck auf die frauen punkto schönheit aus, schon ziemlich wohin.

ich kenn genug frauen die zugeben sich gegenseitig hochzupushen so ala wer trägt den kürzeren rock, bringt die oberweite besser zur geltung, zieht mehr männerblicke auf sich, kann mit diesen hochhackigen schuhen schöner gehen, als die andere usw... .

frauen sollten sich auch einmal eingestehen wieviel druck sie innerhalb ihres eigene geschlechts auf sich selbst ausüben.

Belacqua
09.06.2010 10:06

Schlecht geschlafen?

franz sackbauer
09.06.2010 10:25
ich gebs zu...

...vielleicht nicht ganz so gut wie sonst.

aber meine kritik an solchen aussagen bleibt. und eine begnadete schauspielerin muss auch einsehen das es it girls und was weiß ich noch alles gibt.
(siehe tv landschaft) und deren lebensinhalt ist es nunmal sich von sich aus, anscheinend aus einem tiefen inneren verlangen heraus einfach nur als optik und nicht als inhalt zu präsentieren wenn ich das einmal so plakativ ausdrücken darf.
in diesem sinne
hugh

Roter Baron
09.06.2010 09:30

yep
sie wird noch eine von den ganz großen werden.


roter baron

Tante Ylvi
09.06.2010 09:37
is se doch schon!

Herr J.K.
08.06.2010 17:27
"ich muss nicht dauernd in Unterwäsche herumlaufen"

Wart nur, bis ICH Direktor des Burgtheaters bin.

faust
10.06.2010 13:47

komisch, dass für so einen schmierigen altherrenwitz grüne stricherl en masse gibt...

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