Milliardenzocker vor Gericht

8. Juni 2010, 18:58
28 Postings

Jérôme Kerviel muss sich in Paris für einen der größten Spekulationsverluste aller Zeiten verantworten

Paris - Zweieinhalb Jahre nach Bekanntwerden des größten französischen Bankenskandals hat in Paris der Prozess gegen den ehemaligen Händler Jérôme Kerviel begonnen. Kerviel erschien am Dienstag mit seinem Verteidiger im Pariser Justizpalast, dem Staranwalt Olivier Metzner. Der ehemalige Trader muss sich wegen Vertrauensbruchs, Fälschung und unberechtigten Eindringens in das Computersystem der Société Générale verantworten. "Auf Fragen wird er vor Gericht antworten", sagte sein Anwalt zu den Dutzenden Journalisten und Fotografen, die Kerviel umringten. Die Société Générale macht Kerviel für einen Schaden von 4,9 Mrd. Euro verantwortlich, der im Januar 2008 durch waghalsige Spekulationsgeschäfte des Händlers entstanden war.

"Wie immer bei einer Krise soll die Verantwortung auf einen Menschen abgewälzt werden und nicht auf das System", sagte Kerviels Anwalt unmittelbar vor Auftakt des knapp dreiwöchigen Verfahrens. "Den Fall Kerviel würde es gar nicht geben, wenn das System, die Bank, die Societe Generale, ihre Rolle erfüllt hätten."

"Alles stand auf einem Bildschirm", und fünfhundert Menschen hätten diesen Bildschirm sehen können, sagte der Anwalt. Kerviel habe mit mehreren Kollegen zusammen an einem Arbeitsplatz im Handelsraum gesessen, der Platz seines Vorgesetzten sei nur zwei Meter entfernt gewesen. Wenn Kerviels Chef nun behaupte, nichts von den milliardenschweren Spekulationen mitbekommen zu haben - "was hat er den ganzen Tag lang getan?", fragte der Verteidiger, der auf Freispruch plädieren will.

Mitverantwortung

 

So macht Jérôme Kerviel macht auch vor Gericht seine früheren Vorgesetzten für den Milliardenschaden der Société Générale mitverantwortlich. "Die täglichen Ermutigungen meiner Vorgesetzten haben mich nicht gebremst", sagte Kerviel am Dienstag zu Beginn des Verfahrens in Paris. Der ehemalige Trader muss sich verantworten, weil er der Großbank einen Schaden von 4,9 Milliarden Euro zugefügt haben soll.

Kerviel sagte zum Prozessauftakt im Pariser Justizpalast, er habe sich von den Äußerungen seiner Chefs "eher ermutigt" gefühlt, ohne näher auf diese angeblichen Ermutigungen einzugehen. Der 33-Jährige ist wegen Vertrauensbruchs, Fälschung und unberechtigten Eindringens in das Computersystem der Société Générale angeklagt. Die französische Großbank macht den früheren Händler für den Milliardenverlust verantwortlich, der im Jänner 2008 durch seine waghalsigen Spekulationsgeschäfte entstanden war.

"Wir hoffen, dass die Wahrheit nicht von der Société Générale behindert wird, wie diese es zwei Jahre lang getan hat", sagte Kerviels Verteidiger beim Eintreffen am Justizpalast. 

"Kein kranker Erwachsener"

Die Anklage macht dagegen geltend, dass Kerviel "kein Kind, kein verantwortungsloser Minderjähriger und kein kranker Erwachsener" sei. Der ehemalige Händler müsse für seine Taten einstehen, forderte der Anwalt der Société Générale, Jean Veil. "Wenn bei Ihnen in der Wohnung eingebrochen wird, kann man ihnen vielleicht vorwerfen, sie hätten die Fensterläden oder die Tür schlecht geschlossen - aber auf der Anklagebank sitzt der Einbrecher."

Kerviel hatte nach Bekanntwerden des Skandals im Jänner 2008 nicht bestritten, Fehler gemacht und die Bodenhaftung verloren zu haben. Er gibt auch zu, seine ungenehmigten Geschäfte durch Scheinaktionen verschleiert zu haben. Er betonte aber stets, dass seine Kollegen und Vorgesetzten dies gewusst und geduldet hätten, solange es Geld eingebracht habe. "Wir haben das alle gemacht, wir waren darauf trainiert, wir wurden dafür bezahlt", sagte Kerviel. Dem Franzosen drohen fünf Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 375.000 Euro. Der Prozess soll am 25. Juni zu Ende gehen. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bei einem Schuldspruch drohen Jérôme Kerviel fünf Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 375.000 Euro.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Kerviel, rechts, mit Anwalt Olivier Metzner, hatte die Société Générale um 4,9 Milliarden Euro erleichtert.

Share if you care.