"Das Wort 'Migration' wird über soziale Probleme gestülpt"

25. Juni 2010, 18:57
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Viele SchuldnerInnen in Österreich sind MigrantInnen - Die ethnische Herkunft sage jedoch nichts über das Risiko einer Verschuldung aus, meint ein Mitarbeiter der Schuldnerberatung

"60 bis 70 Prozent der Menschen, die von uns beraten werden, haben eine andere Muttersprache als Deutsch", berichtet Alexander A. Maly aus seinem Berufsalltag bei der Schuldnerberatung. Gerhard Wagner vom KSV1870, dem größten Gläubigerschutzverband Österreichs stellt klar, dass die Zahlen zwar auf den ersten Blick auffällig seien, zwischen Migration und Verschuldung aber nur indirekt ein Zusammenhang bestehe: "Stark vereinfachte Aussagen in sensiblen Bereichen sind selten der richtige Weg."

Entscheidend für das Risiko einer Verschuldung seien vor allem Faktoren wie Alter, Familiensituation und Grad der Ausbildung. Die ethnische Herkunft hat keinen direkten Einfluss: Denn auch wenn ein "alteingesessener" Österreicher in eine oder mehrere dieser Kategorien falle, kann eine finanzielle Notsituation, entstehen. "Das Wort 'Migration' wird einfach gestülpt, wie über viele andere soziale Probleme auch", sagt Wagner. Denn die größte Gruppe Verschuldeter sind Menschen mit schlechter bzw. abgebrochener Ausbildung. Sie sind immer wieder von Phasen der Arbeitslosigkeit betroffen und für sie sind kontinuierliche Rückzahlungen schwer möglich.

In der Schuldenfalle

"Die durchschnittliche Verschuldung von Menschen, die zu uns zu einer Beratung kommen, liegt bei 44.000 Euro - bei einem durchschnittlichen Netto-Gehalt von 1100 bis 1200 Euro", sagt Maly. Nur allein die 440 Euro Zinsen pro Monat zu tilgen, sei fast unmöglich und zudem sind 50 Prozent der Beratenen arbeitslos. Meistens fängt die Verschuldung mit 18 oder 19 Jahren an, mit 40 bis 45 Jahren können sie die finanziellen Probleme dann nicht mehr bewältigen - die Schulden explodieren.

Einstiegsdroge sei für viele die Kontoüberziehung, sagt Maly: "Was vielen Menschen nicht klar ist, dass das Überziehen des Konto keine 'Einkaufsreserve' ist, sondern ein Kredit." Zudem gibt es in Österreich drei Millionen KreditnehmerInnen mit vier Millionen Krediten. 60 Prozent davon sind Konsumkredite. Einen nicht unerheblichen Teil mache dabei der Anteil von SchuldnerInnen mit Migrationshintergrund aus, sagt Maly: "Kredite sind nicht sinnvoll, wenn man damit nur Konsum vorzieht, anstatt dafür zu sparen."

Konsumzwang unter Jugendlichen

Wird daher bereits Aufklärungsarbeit bei Jugendlichen unternommen? Gemeinderätin Tanja Wehsely, Obfrau der Wiener Jugendzentren, beobachtet großen Konsumzwang unter den Jugendlichen. "Handy, Führerschein, teure Marken: Die Jugendlichen wollen sich das 'schöne Leben', das sie überall sehen, beschaffen." Oder, wie es ein Diskussionsteilnehmer ausdrückt: "Wenn ich schon eine 'arme Sau' bin, muss man mir das zumindest nicht ansehen." Die Konsumwelt werde den Jugendlichen überall vorgehalten und als erstrebenswert dargestellt, hebt Wehsely hervor: "Mit Verbot und Belehrung kommt man daher nicht weiter. Der erhobene Ziegefinger bringt nichts, denn die Welt sieht anders aus."

Eine große Konkurrenz für die Jugendzentren sind die zahlreichen Wettbüros und Wettcafes in Wien. Dort werden die Jugendlichen nicht gleich verjagt, wenn sie nicht dauernd konsumieren. Das Glücksspielgesetz ist aus Wehselys Sicht geglückt, allerdings "ist die Frage, wie die strengeren Gesetze exekutiert werden". Für Wehsely ist die "Einstiegsdroge" in die Verschuldung das Handy: "Oft ist das Bewusstsein nicht vorhanden, dass Handys keinesfalls gratis sind, sondern man sich an einen jahrelangen Vertrag bindet." Verzicht zu predigen sei jedoch nichts Populäres, bestätigt Wagner. Denn habe ein Jugendlicher nicht das neueste Handymodell oder die Markenschuhe, gelte er schnell als "Opfer". Da reagieren Jugendliche genauso wie Erwachsene, sagt er.

Unseriöse Berater

Wenn sich ein bestimmter Betrag an Schulden angesammelt hat, kann ein weiteres Problem hinzu kommen: Unseriöse Berater und Kreditgeber mit ähnlicher Herkunft, die die Not der Menschen ausnutzen. "Das ist eine Vertrauensfrage: Leuten aus der eigenen Community vertraut man mehr", sagt Maly. Wenn diese jedoch zu einem Kreditgeber vermitteln, werden schon allein fünf Prozent Vermittlungsgebühr draufgeschlagen. In Berlin wurde daher im Vorjahr zum Beispiel in Zusammenarbeit der Landesarbeitsgemeinschaft und Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt ein Wegweiser zum Thema Schulden in türkischer Sprache herausgebracht. Damit will man MigrantInnen motivieren, sich rechtzeitig über mögliche Risiken zu informieren (etwa wenn eine Selbständigkeit angestrebt wird) und sich im Falle einer Verschuldung an seriöse Beratungsstellen zu wenden.

In Österreich ist die einzig staatlich anerkannte und gemeinnützige Stelle in diesem Bereich die Schuldnerberatung. Die MitarbeiterInnen beherrschen zwar Sprachen wie Serbisch, Kroatisch und Türkisch, das Gespräch findet aber meistens auf Deutsch statt. "Die Herausforderung ist, die Inhalte verständlich zu kommunizieren. Bei Fachworten steigen 'Ur-Wiener' genauso wie MigrantInnen aus", sagt Maly. Zudem gebe es viele Ausdrücke, die schlecht übersetzt werden können.

Mitbürgschaften gesetzlich einschränken

In Sachen Geschlechterverteilung am Schuldenberg ist die "Gleichberechtigung weit fortgeschritten", wie es Maly ausdrückt. 54 Prozent der Verschuldeten sind Männer, der Prozentanteil variiert pro Jahr nur leicht." Der Hauptgrund für eine Verschuldung sei, so der Experte, dass über einen längeren Zeitraum einfach mehr ausgegeben wird, als eingenommen. "Es ist selten eine große Wahnsinnstat, sondern es handelt sich um viele kleine Fehlentscheidungen", sagt Maly. Nicht selten verschulden sich Frauen jedoch, weil sie bei einem Kredit mitbürgen. Maly fordert, dass es bei reinen Konsumkrediten keine Bürgschaft mehr geben darf, denn: "15 Prozent der Kredite kommen nur durch Mitbürgen zu Stande."

Eine Beobachtung Malys zur Finanzkrise gibt Hoffnung: Seit Ausbruch der Finanzkrise ist eine Entspannung zu erkennen. Das liege daran, dass die Bereitschaft der Banken, risikoreiche Kredite zu vergeben, geschwunden ist. (Julia Schilly, derStandard.at, Juni 2010)

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    Der Konsumzwang unter Jugendlichen ist besonders stark: Ohne neuestes Handy und Markenschuhe gelten sie schnell als "Opfer", wie Gerhard Wagner vom KSV1870 berichtet

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