Wie das mit der Gewalt wirklich ist

8. Juni 2010, 17:18
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Martin Obermayr bloggt während der WM für derStandard.at aus Südafrika - der erste Eintrag

Was wir für wahr nehmen, hat nicht immer mit unserer unmittelbaren Lebenswelt zu tun, trotzdem trauen wir uns eine Meinung zu, zum Beispiel beim Bild des Fußball-WM-Landes Südafrika: Gewalt, Armut, Dritte Welt, Rückständigkeit. Und wer war schon dort? 

Aber das soll nicht Abhandlung Nummer x-plus-eins über Kriminalität und Sicherheit in Südafrika werden, sondern den Fokus auf Fußball lenken, denn gerade in Europa besitzt ja Gewalt in und um die Stadien eine tief sitzende „Kultur". Hooliganismus bei Kickveranstaltungen ist in Nelson Mandelas Heimat dagegen so gut wie unbekannt. Da trifft man sich nicht auf irgendwelchen Bahnhöfen zu Massenkeilereien oder spuckt über die Stadionzäune auf die gegnerischen Anhänger, sondern man zieht oft gemeinsam tanzend, singend und Vuvuzela-trötend in die Arena ein. Wer so etwas je erleben darf, wird schlicht eine Freude haben - das behaupte ich einfach so, weil ich dabei war. 

In den vergangenen dreieinhalb Jahren habe ich insgesamt fast acht Monate in Südafrika gelebt und weder eine brutale Massenschlägerei bei einem Fußballmatch gesehen (bei manchen Liga-Matches müssten dafür eh fast alle Zuschauer mitmachen) noch wurde ich Opfer einer gewalttätigen Handlung. Das Land hat eine der, wenn nicht die bedenklichste Kriminalitätsstatistik der Welt und Morde wie jener an Österreichs Sportmanager Peter Burgstaller vor der WM-Quali-Auslosung im November 2007 gehören leider zur traurigen Realität, aber dadurch schon vor dem global größten Einzelsportereignis alles mies zu reden, entbehrt jeder Fairness. Lasst die Spiele beginnen und seht, dass es ein Fest wird! 

Übrigens: Mir sind enthusiasmiert und euphorisch feiernde Fans lieber als enthemmt grölende und aggressiv stänkernde. Ke Nako! "Es ist Zeit!", auch für mich, am Donnerstag fliege ich zur WM und werde darüber hier bloggen.

  • Die Fans von Ajax Cape Town in Rot-Weiß und von den Mamelodi Sundowns in Gelb, Grün und Blau haben keine Berührungsängste.
    foto: tanja zach

    Die Fans von Ajax Cape Town in Rot-Weiß und von den Mamelodi Sundowns in Gelb, Grün und Blau haben keine Berührungsängste.

  • Beim Traditionsklub Orlando Pirates gilt getreu den Vereinsfarben ein Michael Jackson-Motto: „It don´t matter if you´re black or white.“
    foto: tanja zach

    Beim Traditionsklub Orlando Pirates gilt getreu den Vereinsfarben ein Michael Jackson-Motto: „It don´t matter if you´re black or white.“

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