Mutter von HIV-infiziertem Kind in Graz angeklagt

8. Juni 2010, 18:47
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Frau wird der Körperverletzung, Gefährdung durch übertragbare Krankheiten und Verleumdung bezichtigt

Graz - Sie nimmt ihre Krankheit nicht zur Kenntnis. Weil sie der festen Überzeugung ist, das Krankheitsbild sei eine Erfindung der Ärzte - denn sie fühle sich kerngesund.

Und auch ihr im Februar 2009 geborenes Kind, das man ihr weggenommen hat und das jetzt in einem SOS-Kinderdorf lebt, sei nicht mit dem HI-Virus infiziert - deshalb wollte sie ihr Kind auch nicht behandeln lassen.

Weil der 41 Jahre alten Mutter die Übertragung des Virus auf ihr Baby aber zur Last gelegt wird, stand die gebürtige Vorarlbergerin am Dienstag vor dem Straflandesgericht in Graz. Sie war wegen Gemeingefährdung und Körperverletzung angeklagt. Ihr zunächst als Beitragstäter mitangeklagter Mann ist Mitte Mai gestorben.

Die Frau hatte sich vor 20 Jahren angesteckt, eine Behandlung aber stets abgelehnt. Drei weitere Kinder blieben symptomfrei - sie leben heute von der Mutter getrennt unter behördlicher Aufsicht.

Auch in der Gerichtsverhandlung weigerte sich die Frau, die Existenz von Aids akzeptieren. "Was ist HIV überhaupt?", wollte sie vom Staatsanwalt wissen. "Meine Einstellung ist, dass ich gesund bin." Sie habe nie einen positiven Aidstest zu Gesicht bekommen und auch kein Testergebnis ihres Kindes.

Ärzte bestätigten allerdings, dass bei dem Kind kurz nach der Geburt ein positiver Aidstest durchgeführt worden sei. Die Krankheit sei jetzt definitiv ausgebrochen.

Aber auch der Verteidiger der Angeklagten zweifelte vor dem Grazer Gericht die Richtigkeit der Diagnose für die Mutter an. Er argumentierte mit einem Eintrag im Mutter-Kind-Pass. Bis vor einem Jahr lautete der Status darin "HIV-negativ", nach der Geburt der vierten Tochter stand "HIV-Status unverändert" im Pass.

Der Verteidiger stellte schließlich grundsätzlich die Zuverlässigkeit von Aidstests infrage - und legte dazu einen Internetartikel der freien Netz-Enzyklopädie Wikipedia vor - Artikel dieser Internetplattform werden immer öfter vor Gericht als "Beweismittel " vorgebracht. Der Rechtsanwalt will jedenfalls einen neuen Aidstest von Mutter und Kind beantragen, da seiner Meinung nach nicht geklärt ist, "wer jetzt woran wirklich erkrankt ist".

Das Kind war Ende 2009 wegen einer Lungenentzündung ins Spital gebracht worden. Ärzte führten die Erkrankung auf den HI-Virus zurück. Die Angeklagte und ihr mittlerweile verstorbener Mann waren hingegen der Ansicht, die Krankheit sei eine "Lüge", und verwiesen auf den "Wunderheiler" Ryke Geerd Hamer. Die Verhandlung wurde vertagt. Der Prozess soll frühestens in drei Monaten fortgesetzt werden. (mue, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 9. Juni 2010)

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