Trotz Gesellschaftskritik eine Provokation für die Sowjet

7. Juni 2010, 23:34
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Auf den ersten Blick erscheint es merkwürdig, dass Dostojewskis Werke in der Sowjetunion einem stillschweigenden Verbot unterlagen. Es ging um einen Erlass von Lenin, laut dem alle sogenannte idealistische Literatur aus den Bibliotheken entfernt werden musste. Darunter fielen Tolstoi, Dostojewski, aber auch westliche Philosophen wie Kant und Schelling. Für Samuil Lurje war diese "intellektuelle Kastration des Landes" wohl der schlimmste Verlust während der gesamten Sowjetepoche.

Wie aber konnte Dostojewski in Ungnade fallen, der für die dogmatische Literaturwissenschaft der UdSSR perfekt gepasst hätte, da er ja in seinen Werken die gesellschaftlichen Geschwülste des zaristischen Russlands anprangerte? Die Sowjets fürchteten Dostojewskis mystisch-religiöse Seite und seine unermüdliche Suche nach Gott, vermutet Lurje. Außerdem gibt es in seinen Werken zu viele unglückliche Menschen, wo doch der perfekte Sowjetmensch eine glückliche Zukunft aufzubauen hatte.

Erst Ende der 1970er wurde Dostojewski quasi rehabilitiert. Vor einigen Jahren erlebte Russland dann einen wahren Dostojewski-Boom, als Der Idiot, Die Brüder Karamasow und andere Werke als TV-Serien verfilmt wurden. (tm/DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2010)

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