Die Stadt der lebendigen Gespenster

7. Juni 2010, 23:33
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In den berühmten Weißen Nächten kommt auch die düstere Seite von St. Petersburg deutlicher als sonst zum Vorschein

Es ist nur einer von vielen Widersprüchen, in und mit denen diese Stadt lebt.

Weiße Nächte in St. Petersburg. In der Zeit um die Sommersonnenwende geht die Abenddämmerung nahezu nahtlos ins Morgengrauen über. Zwischen Mitte Mai und Mitte Juni hebt sich die dunkle Tageszeit auf eine wundervolle Weise von selbst auf. Dieses Naturphänomen versetzt die Menschen in einen seltsamen Zustand der Euphorie, eines geistigen und körperlichen Hochgefühls.

Kein Wunder, dass St. Petersburg in den Weißen Nächten Menschen aus aller Welt anzieht. Tagsüber streift man durch die Stadt zu Fuß und lässt das majestätische Stadtpanorama auf sich wirken. Nachts fährt man mit dem Boot durch die zahlreichen Kanäle, passiert die sich öffnenden Brücken an der Newa und erlebt das Sagenhafteste: wie St. Petersburgs pastellfarbene Prachtbauten in einem unwirklichen, zauberhaften Licht erstrahlen.

Doch die prächtig-pompöse Zarenstadt hat nicht nur diese eine feierliche Gestalt, die über Mensch und Zeit zu triumphieren scheint. Eine Bekanntschaft mit der Stadt wäre nicht vollständig, wenn man nicht ihr zweites Gesicht kennenlernte: das St. Petersburg der kleinen Leute, die Stadt der schmalen Gassen, der dunklen Hinterhöfe, die berühmten Mietshäuser mit ihren Brunnenhöfen, wie sie von vielen russischen Schriftstellern und vor allem von Fjodor Dostojewski kunstvoll beschrieben wurden.

Das Petersburger Dostojewski-Museum liegt im Kusetschnyi Pereulok 5/2, unweit der Hauptverkehrsachse der Stadt, des Newski-Prospekts. Dies ist eines der mehr als 20 Quartiere, die Dostojewski in dieser Stadt bezogen hatte. Und es musste sein letztes werden, denn hier verstarb er im Jänner 1881. In dem kleinen Museum bekommt man ungewöhnlich viele Eindrücke, nicht nur vom Leben und Schaffen Dostojewskis, sondern auch von seinem St. Petersburg, wie es sich teilweise bis heute erhalten hat. Vera Biron, Vizedirektorin des Museums, hat über Dostojewski mehrere Bücher geschrieben. Das letzte ist ein Audiobuch, mit dessen Hilfe jeder Tourist den Mythos der Dostojewski-Stadt zu Fuß für sich entdecken kann.

Wer in der Stadt auf den literarischen Spuren wandelt, wird früher oder später mit der Frage konfrontiert: Warum unterscheidet sich das St.Petersburg Dostojewskis so sehr von dem seines großen Abgottes Alexander Puschkin? Denn in Puschkins Werken erscheint St.Petersburg als eine prächtige, feierlich-fröhliche Stadt. Dostojewski beschreibt den Ort hingegen als die Stadt der kleinen Leute, deren Leben sich vor einem Abgrund abspielt.

Der Petersburger Schriftsteller und Essayist Samuil Lurje, Autor mehrerer Werke über die russischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, geht noch weiter, wenn er behauptet: Von den russischen Literaten, die in St. Petersburg lebten und wirkten, hat kaum jemand diese Stadt tatsächlich geliebt, und der Moskauer Dostojewski sei nicht der einzige gewesen, der sich in St. Petersburg nicht glücklich fühlte. Weder der aus dem ukrainischen Poltawa kommende Nikolai Gogol noch der Moskauer Alexander Puschkin hätten diese Stadt, wo es so wenig Natur, so wenig Grün und so wenige Frauen gab, gemocht. Den Unterschied ergibt nur die Perspektive: Puschkin schaute auf St.Petersburg von oben, so dass die Stadt bei ihm schöner und graziöser erschien. Und Dostojewski blickte darauf von unten und von innen, er betrachtet sie ausführlicher, diese Stadt hing regelrecht über ihm. Deshalb sei seine Darstellung detaillierter und düsterer gewesen, glaubt Lurje.

Bei Dostojewski hieß St. Petersburg "die am meisten erfundene Stadt der Welt" . Damit deutete der Schriftsteller auf die Tatsache hin, dass diese Stadt nicht auf natürliche Weise und nicht durch die Bedürfnisse der Menschen entstanden war, sondern durch die Willkür einer einzigen Person, des aufgeklärten Monarchen Peter des Großen. Dostojewski sei sich dessen immer bewusst gewesen, dass eine Stadt, die nach dem Willen eines einzigen Menschen binnen kurzer Zeit und auf Kosten vieler Menschenleben entstand, genauso plötzlich wieder verschwinden kann, sagt Vera Biron. Und dieses Gefühl der Stadt als Fata Morgana ist in allen seinen Petersburger Werken präsent.

Die Stadt sei von Gespenstern überfüllt, sagt Lurje, denn es wimmle darin von historischen, literarischen und politischen Assoziationen. Das Schlimmste dabei ist: In der relativ kurzen Geschichte St. Petersburgs von etwas mehr als 300 Jahren habe es in der Stadt viel zu viele gewaltsam Getötete gegeben, ganz zu schweigen davon, dass diese Stadt auf den Knochen ihrer Erbauer stehe. Man schaue bloß durch die Fenster der benachbarten Gemeinschaftswohnung, und man werde sofort daran erinnert, dass dort unter Stalin mindestens eine Person abgeführt und erschossen wurde. Und so schaue diese Stadt dann auf einen mit diesen abertausenden toten Augen. "Aber so ist doch auch oft unser Leben. Wir lassen uns oft von Illusionen blenden. Es ist, als ob wir eine Vision von Gott hätten und dieser uns sagte: ‚Weißt du, es gibt mich nicht.‘"

Was Lurje am meisten beunruhigt, ist die Tatsache, dass auf Petersburger Boden zu viele Menschen ermordet wurden, ohne dass danach ein Reinigungsritual stattgefunden hätte. "Besonders im 20. Jahrhundert fand hier ein schreckliches Verbrechen statt, worauf keine angemessene geschichtliche Strafe erfolgte. Zwischen Schuld und Strafe soll es eine Reuetat geben. Und diese ist bei uns ausgeblieben. Deshalb herrscht in allen Lebensbereichen unseres Landes schreckliche Ungerechtigkeit, deshalb haben wir eine Rechtsprechung, die kein Recht spricht, deshalb gibt es bei uns Ordnungshüter, die nur für Unordnung sorgen. Russland lebt in politischer, philosophischer und historischer Absurdität, die uns jede Aussicht auf normale Entwicklung unmöglich macht" , bedauert Lurje.

Keine Änderung also seit Dostojewski? Lurje schüttelt den Kopf: überhaupt keine. Denn diese Absurdität habe in Russland inzwischen zu tiefe Wurzeln geschlagen, sodass Lurje sich an Gogols Novelle Furchtbare Rache erinnert fühlt. Darin liegt unter der Erde eine schreckliche Leiche begraben, die so groß ist wie halb Europa, und plötzlich beginnt sich diese Leiche zu bewegen. "Unter Russ- land liegt genauso eine Leiche versteckt, die sich nun langsam in Bewegung setzt" , prophezeit Lurje. (Tatjana Montik aus St. Petersburg/DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2010)

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