Doyenne des Pressekorps stolpert über Israel-Kritik

8. Juni 2010, 17:55
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89-jährige Helen Thomas berichtete seit Jahrzehnten aus Washington - "Palästinenser Opfer einer Besatzung"

Washington/Wien - "Ich entschuldige mich nie bei Präsidenten für das, was ich sage oder schreibe!" Resolut wies Helen Thomas vor drei Jahren im Interview mit dieser Zeitung zurück, dass sie sich angeblich bei George W. Bush für ihre kritischen Kolumnen zum Irakkrieg entschuldigen musste. Am Montag allerdings versandte der Hearst-Konzern eine neunzeilige Pressemitteilung, in der die spitzzüngige Thomas tatsächlich um Verzeihung bat - nicht einen Präsidenten, aber immerhin die Öffentlichkeit.

"Zutiefst bedauere ich meine Aussagen, die ich vergangene Woche über Israelis und Palästinenser gemacht habe. Diese stehen nicht für meine tiefe Überzeugung, dass im Nahen Osten nur Frieden einkehren wird, wenn alle Parteien die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts und gegenseitiger Toleranz anerkennen" , erklärte die 89-jährige Doyenne des Washingtoner Politjournalismus darin. Und: Sie trete mit sofortiger Wirkung in den Ruhestand - nach 68 Jahren im Journalismus.

Anlassfall waren antiisraelische Äußerungen Thomas', die aus einer libanesischen Einwandererfamilie stammt. "Zum Teufel, die Israelis sollten endlich aus Palästina abziehen" , sagte sie in einem Interview vom 27. Mai, das auf einer Internetseite verbreitet wurde. Sie sollten nach Hause gehen, nach Deutschland, Polen und die Vereinigten Staaten.

<"Thank you, Mr. President!"

Mit dem Abtritt der alten Dame geht eine politische Institution in Washington in Pension. Thomas erschien auch noch im hohen Alter jeden Tag in der Zentrale der Hearst-Zeitungsgruppe an der 12. Straße in Washington zum Dienst. Genauso besuchte sie jeden Tag ein paar Blocks weiter das Pressebriefing des Weißen Hauses, wo der mittlere Sessel in der ersten Reihe für sie reserviert war. Als dienstältester Journalistin stand ihr zu, die Pressekonferenzen mit dem Präsidenten zu eröffnen und mit einem "Thank you, Mr. President!" auch wieder zu schließen. Bush dem Jüngeren verweigerte sie diesen Dank allerdings wegen dessen Irakfeldzug demonstrativ.

"Es gibt keine ungestellten Fragen in Washington, aber viele unbeantwortete", sagte Thomas gelegentlich. Und sie wies darauf hin, dass sich die US-Präsidenten nur bei einer Gelegenheit und an einem Ort der Welt ungeschützt kritischen Journalistenfragen zu stellen hätten: im Pressesaal des Weißen Hauses.

Seit John F. Kennedys Amtsantritt 1961 berichtete sie, zuerst als Bürochefin der Nachrichtenagentur United Press International und dann für Hearst, über alle US-Präsidenten. Und ihr Ranking war klar: Kennedy war ihr Favorit vor Lyndon B. Johnson. George W. Bush dagegen nannte sie den "schlechtesten Präsidenten in der Geschichte Amerikas".

Ironischerweise ereilt nun Thomas wie Bush ein ähnlich unrühmlicher Abschied aus dem politischen Washington. (pra/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2010)

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    Zum 89. Geburtstag gabs noch Kuchen von Präsident Obama.

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