"Umbringen auf Tschechisch"

7. Juni 2010, 19:35
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Dass die Menschen in Tschechien sich an ihre einstigen Mitbürger und ihr Schicksal erinnern, ist wichtiger als die formale Aufhebung der Beneš-Dekrete

Umbringen auf Tschechisch heißt ein Dokumentarfilm, der kürzlich zur besten Sendezeit im tschechischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Der Inhalt: schockierende Bilder und Berichte von den massenhaften Ermordungen sudetendeutscher Zivilisten im Jahr 1945, ein Thema, das bisher in der tschechischen Öffentlichkeit ziemlich tabu war.

Eine tschechische Zeitung verglich das Ereignis mit der Ausstrahlung des Andrzej-Wajda-Films über das Massaker von Katyñ vor einiger Zeit im russischen Fernsehen. Ein echter Paradigmenwechsel. Nicht, dass die Fakten in der tschechischen Fachwelt unbekannt gewesen wären. Eine ganze Reihe tschechischer Historiker hat sie erforscht und belegt. Mitte der Neunzigerjahre erschien das Standardwerk des Zeitgeschichtlers Tomáš Stanìk, der akribisch und schonungslos, Dorf für Dorf und Stadt für Stadt, recherchiert und registriert hatte, was an Grausamkeiten und Morden an der deutschen Bevölkerung in Böhmen und Mähren begangen worden war. Ein großes Team von Studenten und Gymnasiasten hatte ihm dabei geholfen.

Aber die Welt der Historiker und die Welt des Mannes auf der Straße sind zweierlei. Noch Jahre nach der Wende sagte mir eine Pragerin entsetzt, sie hätte immer geglaubt, damals seien nur ein paar Nazis vertrieben worden, die ohnehin "heim ins Reich" wollten. Dass es drei Millionen Vertriebene waren und 30.000 Todesopfer, hatte ihr in der Zeit des Kommunismus niemand gesagt. Die Situation ähnelte stark der in Österreich, wo manche bis heute das Ausmaß der Verbrechen des Nationalsozialismus nicht wahrhaben wollen.

In Umbringen auf Tschechisch wurde zum ersten Mal Filmmaterial von der Erschießung deutscher Menschen, auch Jugendlicher, in Prag gezeigt, das ein Kameramann damals heimlich gedreht und die Diktaturjahre über vor der Polizei versteckt hatte, die danach suchte. Der Hauptschwerpunkt lag aber auf dem Massaker von Postelberg (Postoloprty), dem über zweitausend Deutsche zum Opfer fielen. Vor kurzem wurde dort ein Mahnmal enthüllt. Das Medienecho auf den Film war groß und überwiegend positiv.

Denn eine neue Generation von Tschechen hat sich in den vergangenen Jahren gewissenhaft auf die Suche nach der Wahrheit gemacht. In Aussig (Ústí nad Labem) entsteht ein Museum über die Kultur und Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern. In Brünn gedachte man in einer Ausstellung der deutschen Vergangenheit der Stadt und des Brünner Todesmarsches. Und eine ganze Reihe von literarischen Veröffentlichungen thematisierte das jahrhundertelange Miteinander von Tschechen und Deutschen und das tragische Ende. Es gibt nicht nur "Umbringen auf Tschechisch" , sondern auch Vergangenheitsbewältigung auf Tschechisch.

Das ist letztlich das, was sich die Vertriebenen die ganze Zeit gewünscht haben: dass ihr Leid und ihr erlittenes Unrecht erkannt und wahrgenommen wird. Dass die Menschen in Tschechien sich an ihre einstigen Mitbürger und ihr Schicksal erinnern, ist wichtiger als die formale Aufhebung der Beneš-Dekrete. Eine Entwicklung, die wir auch in Österreich zur Kenntnis nehmen und begrüßen sollten. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2010)

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