Betörende Damaszener, robuste Deutsche

7. Juni 2010, 19:34
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Zwillingsschwestern erfüllten sich mit einem riesigen Rosarium ihren Lebenstraum

Graz - "Gesammelt haben wir immer was, meine Schwester Bilder, ich Gläser, Rosen waren lange Zeit kein Thema", erzählt die quirlige Sonja Grinschgl beim Spaziergang durch ihren zweieinhalb Hektar großen Garten dem STANDARD. Der schwere, süße Duft, der über Giovannis Garden, benannt nach einer venezianisch aussehenden Skulptur, die hier mit anderen Kunstwerken zwischen seltenen Bäumen und edlen Sträuchern steht, begrüßt Besucher schon vor dem Tor in Graz-Messendorf.

Rolls-Royce und Friedensrose
Mit 47, im Zuge eines England-Urlaubs beschlossen die Buchhalterin und die Versicherungsmaklerin: "Wenn wir alt sind, ziehen wir wieder zusammen. 1994 haben wir dann eine leere Wiese gekauft und dann nur mehr gepflanzt und umgepflanzt und viel gestritten", erinnert sich die nicht weniger fröhliche Eva Kotzmuth.

Jetzt spazieren sie als gut eingespieltes Team, vorbei an betörend riechenden Damaszener-Rosen, durch ihr blühendes Paradies, wo sie mit sieben Hunden leben und zwischen Mai und Oktober jede Woche hunderte Besucher begrüßen. "Das ist der Rolls-Royce unter den Rosen", erzählt Kotzmuth, "die chinesische Teerose". Stolz nimmt sie die dicken hellen Blüten in die Hand. Ob sie ihren Namen erhielt, weil sie auf Schiffen mit Tee nach Europa kam, oder weil manche nach Tee riechen, sei umstritten. Weiter geht es zu einer robusten deutschen Art mit grell-orangen Blüten ohne Duft. "Westerland, steht steif da wie ein Deutscher", meint Grinschgl, "schauen sie im Vergleich die Franzosen an, wie weich und charmant die sich biegen, wie sie duften."

Ein Franzose, nämlich Francis Meilland, war auch der Züchter der berühmten "Peace". Die Blume mit einem der edelsten Stammbäume der Rosengeschichte wurde am 29. April 1945 getauft - am Tag als Berlin befreit wurde - und bei der Gründungskonferenz der Uno allen Teilnehmern überreicht. Auch sie steht in Giovannis Garden, wo neben Familien mit Picknickkörben, auch Experten aus aller Welt vorbeischauen. "Die Rosenfans sind alle Spinner", bemerkt Kotzmuth, "genau wie wir halt".

In einem bunten Pavillon, den Grinschgl nach dem Vorbild französischer Lusthäuser entwarf, die vor Jahrhunderten an arabische Zelte erinnern sollten, betreibt eine Grazer Buchhandlung eine Außenstelle für Rosenfachliteratur. Weil die Schwestern ihre mehr als 1400 Sorten (700 kann man auch kaufen), nur "auslichten, aber nicht schneiden", wuchert bei ihnen, was anderswo kleingehalten wird. Deswegen, aber auch wegen ihres Fachwissens und weil ihr Rosarium mittlerweile eines der größten Österreichs ist, wurde ein Universum über die Königin der Blumen großteils hier gedreht. Der ORF zeigt es am 10 Juni. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.06.2010)

 

 

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    1400 Rosensorten gedeihen im Rosarium der beiden Schwestern.

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