Rabat schob seit März mehr als hundert Christen ab

7. Juni 2010, 18:26
21 Postings

Betroffenen wird Gefährdung der "religiösen Einheit" vorgeworfen – kaum Proteste europäischer Länder

Madrid/Rabat - Marokko hat in den vergangenen drei Monaten mehr als 100 Christen, meist Protestanten, ausgewiesen. Sie stammen aus den USA, Neuseeland, Australien, Lateinamerika oder Europa. Den Betroffenen wird "Bekehrungseifer" vorgeworfen: Sie sollen versucht haben, Muslime vom rechten Weg der marokkanischen Staatsreligion abzubringen. In einem Kommuniqué, das von 7000 Ulemas - hohen islamischen Würdenträgern und Gelehrten - unterzeichnet wurde, ist von einem "Verstoß gegen die Moral" , "religiösem Terrorismus" und dem Versuch, "die marokkanischen Kinder vom Glauben abzubringen" die Rede. Es handelt sich um die größte Kampagne gegen eine andere Religion, seit Marokko 1956 unabhängig wurde.

Als Erstes wurden 16 Mitarbeiter eines Waisenhauses in Ain Leuth im Atlasgebirge abgeschoben. Sie betreuten die Einrichtung und die dort lebenden Kinder seit mehr als zehn Jahren. Der Abschiebebscheid wurde am 6. März ausgestellt - am Tag des ersten bilateralen Gipfels der Europäischen Union (EU) mit dem Königreich Marokko im spanischen Granada.

Kurz darauf erwischte es vier Lehrer und den Direktor der US-amerikanischen Schule "George Washington Academy" in Casablanca. Die Eltern eines zwölfjährigen Schülers hatten geklagt, ihr Sohn sei zum Christentum übergetreten. Auch ein Spanier, der vor mehr als 60 Jahren in Marokko geboren wurde und seither ununterbrochen dort lebte, wurde ausgewiesen. Der Kleinunternehmer für Solarenergie verlor damit ebenso seine Existenzgrundlage wie ein britischer Übersetzer aus Tanger oder ein kanadischer Buchhändler aus Meknes.

Auf "Bekehrung" steht Haft

Der marokkanische Religionsminister Ahmed Toufiq beschuldigt die Betroffenen, "religiöse Auseinandersetzungen" provoziert zu haben. Sie gefährdeten die "religiöse Einheit" Marokkos. 93 Prozent der in Marokko lebenden Menschen sind Muslime, der Rest Mitglieder der marokkanischen jüdischen Minderheit oder ausländische Christen. Auf "Bekehrung" steht eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten. "Was wollen die Christen? Eine Handvoll konvertierte Marokkaner oder Ordnung und Ruhe unter den Marokkanern?" fragt Toufiq.

Für die meisten westlichen Regierungen scheint die Antwort klar. Außer den USA und den Niederlanden hat niemand offen gegen die Abschiebung protestiert. Spanien meldete während der EU-Präsidentschaft Bedenken an. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich schweigt. (Reiner Wandler/DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2010)

Share if you care.