"Moment mal, hatten wir nicht eine Revolution?"

7. Juni 2010, 18:30
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US-Bürger machen in 40 Städten ihrem Ärger über die Ölpest im Golf von Mexiko Luft - Sie fürchten, dass Fischer mit Almosen abgespeist werden könnten und fordern, die Vermögenswerte von BP zu konfiszieren

Dort, wo sich Baltimore von der schwülen Hitze erholt, an den historischen Segelschiffen im alten Hafen, entrollt Eliza Stokes ein bemaltes Bettlaken. In einer schwarzen Öllache versinkt eine grün-weiß-gelbe Sonne, das Logo von British Petroleum. Daneben in marineblauen Lettern ein Spruch. "Seize BP's Assets!" - "Beschlagnahmt das Vermögen von BP!"

Die Junisonne hat Elizas blasses Gesicht gerötet, man sieht der 17-Jährigen an, dass sie viel vor dem Computer hockt. Aber sie musste raus, auch wenn es frustrierend sein kann. Die Spaziergänger im General Sam Smith Park lassen sich nicht stören. Auch nicht die Autofahrer, die im Stau durchs Betonwürfelambiente der Pratt Street rollen. Ab und zu hupt mal einer, um Solidarität zu bekunden. "Es ist ein Anfang heute" , sagt Sozialarbeiter Roger Scott.

In 40 Städten, von San Francisco bis Boston, zeigen die "Seize BP" -Aktivisten eine Woche lang Flagge, vorerst bis 10. Juni, was danach kommt, weiß noch keiner. Manches an dem Protest ist sehr amerikanisch, etwa das Elvis-Presley-Double in Pensacola in Florida, das die Dringlichkeit melodisch untermalt: "It's now or never". Auf Petitionen steht, es reiche nicht, Anklage gegen den Multi zu erheben. Justizminister Eric Holder hat zwar ein Verfahren eingeleitet, doch die Bürgerinitiative wittert trickreiche Spielchen.

Vermögenswerte konfiszieren

Ein Prozess, gibt sie zu bedenken, ziehe sich oft Jahre hin. Vielleicht sei BP bereits von einem Rivalen geschluckt, das Betriebsvermögen in neuen Händen, ehe ein Urteil falle. Um sicherzugehen, dass die Fischer am Golf nicht nur mit Almosen entschädigt werden, gebe es nur eine Option: die Vermögenswerte der Firma sofort konfiszieren, zumindest die amerikanischen.

Indes explodieren die Kosten für den Kampf gegen die Ölpest: BP bezifferte die bisherigen Ausgaben am Montag auf umgerechnet mehr als eine Milliarde Euro - exklusive möglicher Folgekosten.

Mit Robert Reich, dem Arbeitsminister Bill Clintons, haben die Aktivisten einen prominenten Fürsprecher gefunden. Reich, der an der kalifornischen Berkeley-Universität lehrt, will BP unter Zwangsverwaltung stellen. Einem Unternehmen, das für seine Aktionäre Gewinn erwirtschaften müsse, könne man bei einer nationalen Katastrophe nicht die Regie überlassen, "das geht nicht gut" , warnt der Professor. Die Regierung Barack Obamas müsse resoluter handeln, de facto die Kontrolle übernehmen.

The Patriot

"Moment mal, hatten wir nicht eine Revolution? Hatten wir diese Briten nicht in die Knie gezwungen?" Marty Glaser, ein kahlköpfiger Mittfünfziger, kehrt den Patrioten heraus und summt sogleich die Nationalhymne. In der Nähe hat der Anwalt Francis Scott Key vor fast 200 Jahren das Star-Spangled Banner geschrieben. Er war stolz darauf, dass über dem Fort McHenry das Sternenbanner noch wehte, obwohl die Festung vor Baltimore aus britischen Schiffskanonen gnadenlos bombardiert worden war. "Hey, zeigen wir den Jungs noch mal, wo der Hammer hängt" , ruft Glaser.

Jason Greenberg, der vorübergehend auf einer organischen Farm arbeitet, ärgert, wie "rücksichtslos" die Ölindustrie mit dem Leben umspringt. "Und irgendwas muss man ja tun." Neben dem flaumbärtigen Teenager zeigt ein meterhohes Plakat die Bilder ölverschmierter Pelikane, verbunden mit der Frage, ob dieses traurige Schicksal auch dem Inselparadies der Florida Keys blüht.

Eliza Stokes und Jason Greenberg wollen nun jeden Mittwoch an einer BP-Tankstelle Autofahrer bitten, woanders zu tanken. EinBlick in die McCulloh Street, in einem der ärmeren Viertel Baltimores, lässt ahnen, was für ein Kraftakt das wird. An zwei Dutzend Zapfsäulen unter BP-Sonne herrscht reger Betrieb. (Frank Herrmann aus Baltimore/DER STANDARD-Printausgabe, 8.6.2010)

 

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    Protestbotschaften gegen BP und US-Präsident Barack Obama auf einer Mauer in Louisiana. In dutzenden Städten regt sich Unmut gegen BP und den Umgang der US-Regierung mit der Ölpest.

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