Karas sollte die Wahllokomotive spielen

7. Juni 2010, 17:57
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Vorzugsstimmenwahlkampf wirkte schon einmal - die ÖVP kann nicht darauf verzichten - Von Herbert Vytiska

Vor einem Jahr begann für die Volkspartei unter Josef Pröll eine wichtige Wahlserie, die sie das Wohlgefühl von Erfolgen erleben ließ. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament am 7. Juni eroberte die ÖVP den ersten Platz. Das war am Beginn des Wahlkampfes gar nicht so sicher. Stimmung kam erst auf, als sich Othmar Karas, nachdem die Bundespartei Ex-Innenminister Ernst Strasser zum Spitzenkandidaten gekürt hatte, entschloss, einen Vorzugsstimmenwahlkampf zu führen.

Plötzlich kam Bewegung in die bis dahin eher müde (europa)politische Diskussion. Viele, die nicht zur Wahl gehen wollten, entschlossen sich doch zum Urnengang. Mehr noch, die Eigeninitiative von Karas, sozusagen gegen den Mainstream (auch der eigenen Partei) anzutreten, Argumente zu liefern, warum nicht nur regionale, sondern auch die EU-Wahlen wichtig sind, fand viele Befürworter. Nicht nur in den Reihen der Volkspartei.

Die "OK" -Vorzugsstimmenkampagne, die mit minimalen finanziellen Mitteln, aber umso höherem persönlichen Einsatz geführt wurde und auf breites mediales Echo stieß, ließ die ÖVP die SPÖ deutlich überholen, (Meinungsforscher bezifferten den Karas-Effekt mit gut vier Prozent) und brachten ihr in Wien überhaupt den zweiten Platz. Jede dritte Stimme für die VP in der Bundeshauptstadt war eine Vorzugsstimme für Karas.

Noch am Wahltag und danach hätte man sich erwartet, dass die ÖVP - ohne den offiziellen Spitzenkandidaten vor den Kopf zu stoßen - nicht nur ihren Wahlsieg feiert, sondern auch jenen Mann, der ihr dazu eigentlich verholfen hat. Aus welchen Gründen auch immer, das wurde jedenfalls verabsäumt. Verabsäumt wurde auch, auf die Vorzugsstimmenwähler (die nicht nur aus ÖVP-Kernschichten stammten, sondern einfach politisch interessierte, aber parteilich nicht engagierte Bürgerinnen und Bürger waren) zuzugehen, ihnen ein weiterführendes Angebot zu machen, eine Partnerschaft anzubieten.

Wenn man sich den burgenländischen Wahlsonntag vor Augen hält und einen Blick auf die aktuellen Wiener Umfragen wirft, so könnte die ÖVP im Herbst 2010 diese Vorzugsstimmen bei den Bundeshauptstadtwahlen gut gebrauchen.

Derzeit (schon seit dem Fehlgriff der FPÖ, Barbara Rosenkranz ins Rennen um das Bundespräsidentenamt zu schicken) hat H.-C. Strache einiges vom Herausforderer-Image verloren. Das lässt sich nicht nur in Umfragen nachlesen. Die Grünen befinden sich schon seit längerem in einem Identifikations-Tief, zeigen aber trotzdem für den dritten Platz auf. Die ÖVP hofft - und das ist eigentlich zu wenig - den dritten Platz gegen die Grünen verteidigen zu können und mit einem Zweier vor dem Ergebnis ins Ziel zu kommen.

Aus demokratiehygienischer Sicht, weil es einfach nicht gut ist, wenn eine Partei zu lange an der Macht ist, besteht nun die Gefahr, dass die SPÖ zwar im Trend bleibt und verliert, aber selbst noch mit 45 Prozent (aufgrund des reformbedürftigen Wiener Wahlrechts) die absolute Mandatsmehrheit behält. Nachdem die FPÖ wieder einmal auch auf eine Anti-EU-Stimmung setzen wird, die Europaidee in einer europäischen Hauptstadt wie Wien aber gerade jetzt neuer Impulse bedarf, Christine Marek und die Wiener Schwarzen noch auf einen Schub nach vorne warten (und diesen auch dringend brauchen), wäre es vielleicht überlegenswert, sich noch einmal der Lokomotive "OK" zu erinnern.

PS.: Dass die deutsche Kanzlerin keinen Alt-Star, sondern den erst 51-jährigen Christian Wulff für die Wahl zum Bundespräsidenten nominiert, lässt Erinnerungen an den österreichischen Präsidentschaftswahlkampf wachwerden, nach dem Motto: "Was wäre gewesen, wenn ..." (Herbert Vytiska, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2010)

Zur Person: Herbert Vytiska ist Politikberater, war 15 Jahre Pressesprecher von Alois Mock und führte 2009 zusammen mit Kurt Bergmann den Karas'schen Vorzugsstimmenwahlkampf.

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