Über die etwas andere Fußball-WM

7. Juni 2010, 18:04
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Am Freitag geht es los. Auch in Soweto freut man sich auf das Ereignis. Es wird gemeinsam ferngeschaut, gelacht, geweint und von einem besseren Leben geträumt. Ein Lokalaugenschein vor dem Anpfiff

Alex hat Soweto noch nie verlassen. "Was soll ich draußen?" Und so schlimm sei es hier auch wieder nicht. "Wir tanzen, weinen, lachen, singen, lieben den Fußball." Er teilt das Zimmer mit seinen beiden Schwestern und der Mutter, der Vater ist im Vorjahr gestorben. "War sehr krank." Alex ist 23 Jahre alt, er hinkt, das rechte Bein ist irgendwann gebrochen und schlecht verheilt. "Ich werde in Soweto auch sterben."

Er sitzt vor dem Hector Pieterson Museum, verscherbelt Bilder, Armbänder, Puppen, geschnitzte Löwen und andere Gebrauchsgegenstände an weiße Touristen. "Habe ich alles selbst gemacht, ich bin ein Künstler. Dich, mein Freund aus Österreich, kostet das Bild nur 100 Rand." Der Freund aus Österreich greift zu, ein paar Atemzüge später hat er ein zweites Bild erworben. Von Tumi, der ist ein Cousin von Alex. Dummerweise hat Tumi auch Verwandte mitgebracht, alles Künstler. Der Freund aus Österreich ist umzingelt, hat nach wenigen Minuten auch ein geschnitztes Holzhaus, zwei Masken, drei Armbänder und eine Kette erstanden. Um 500 Rand (ca. 50 €). Ein Schnäppchen. Und Freunde hat er auch gewonnen. Aus Soweto.

Der Aufstand

Vor dem Museum kann man aus dem Auto steigen, versichert Joseph, der Fremdenführer. "Sonst würde ich es nicht zulassen." Am 16. Juni 1976 ist Hector Pieterson an dieser Stelle gestorben. Durchsiebt von Polizeikugeln. Er war zwölf Jahre alt, und er sollte das bekannteste Opfer des Soweto-Aufstandes werden. Dank des Pressefotografen Sam Nzima. Auf der Homepage der Stadt Johannesburg erinnert sich Nzima an diesen Moment: "Ich sah ein Kind zu Boden stürzen. Im Kugelhagel rannte ich nach vorne und machte das Bild. Es war ein friedlicher Protestzug der Schwarzen gewesen." Das Foto zeigt einen 16-jährigen Schwarzen mit Latzhose und weißem Hemd, sein Gesicht ist verzerrt. In seinen Armen hält er einen kleinen Buben in Schuluniform, dessen blutverschmierter Kopf leblos im Nacken hängt. Er trägt Hector. Das 2002 errichtete Museum wird von weißen Touristen besucht. An der Kasse sitzt Hectors Schwester.

Soweto beginnt gleich hinter der Soccer City, dem überdimensionalen WM-Stadion. Soweto hört nie auf. Vermutlich ist es die größte Township der Welt, rund fünf Millionen Menschen leben dort. Auch ein paar weiße Männer, sie haben schwarze Frauen geheiratet. Weiße Frau und schwarzer Mann spielt es nicht. 3000 Rand-Millionäre soll es geben, einer davon ist der Besitzer des Fußballklubs Orlando Pirates. Er heißt   Irvin Khoza, hat ein schmuckes Haus. Seine Tochter ist die Mutter des 20. Kindes von Staatspräsident Jacob Zuma, aber das nur nebenbei. Das Türschild mit der Nummer 666 hat Khoza abmontiert, das ist eine teuflische Zahl. Vor den Villen stehen keine Wachleute, Alarmanlagen reichen. Auch das ist ein Unterschied zu Rest-Johannesburg. Soweto verwaltet sich selbst.

Die Ärmsten teilen sich zu viert fünf Quadratmeter große Blechhütten. Zwei sind draußen, zwei sind drinnen, nach zwölf Stunden wird gewechselt. Der Strom wird illegal abgezapft. Ein mobiles Klo wird von dreihundert Leuten benutzt, sagt Joseph.

Die Waschanlage

Die Arbeitslosenquote liegt bei 65 Prozent, jeder Vierte dürfte mit HIV infiziert sein. Das Chris Hani Baragwanath Hospital ist das größte Krankenhaus der Welt, pro Jahr werden hier 30.000 Kinder entbunden. Tendenz steigend. Daneben steht die Universal Church, Sowetos auffälligste Kirche. Sie wird von Priestern aus Brasilien geführt. Sie könnte auch die größte Geldwaschanlage sein. Vermutet Joseph, der Fremdenführer.

2000 Minibusse klappern über die Straßen, sie bieten je 15 Passagieren Platz. Verkehrsregeln wurden geschaffen, um ignoriert zu werden, dutzend tödliche Unfälle pro Woche sind die Folge.

Aber jetzt ist Fußball-WM. Sie wird den Verkehr beruhigen. Auf öffentliche Plätze werden Video-Walls gestellt, Party ist angesagt, und der Nachbar vom Nachbarn hat einen Fernseher. Eintrittskarten konnten sich andere leisten. Alex, der Künstler, sagt, dass Bafana Bafana durchaus Weltmeister werden könne. "Weil wir gut sind." Und dann erzählt er, dass er einen Traum hat. "Ich möchte nach England und Brasilien reisen, weil dort der beste Fußball gespielt wird. Aber das geht nur mit einem Lottogewinn."

Tumi, der 24-jährige Cousin, will Geschäftsmann werden "und Jobs für die Menschen schaffen" . Abgesehen davon fehlt es hier an Fußballschuhen für die Kinder. Alex hatte Talent. "Mit dem gebrochenen Bein ging's nicht. Seit dem Ende der Apartheid sind wir wenigstens frei. Ich hasse die Weißen nicht. Love, Peace, God bless you." Der Freund aus Österreich war zweieinhalb Stunden in Soweto. Alex und Tumi bleiben. (Christian Hackl aus Soweto, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 8. Juni 2010)

  • Draußen ist Platz zum Fußballspielen. Drinnen, in den Blechhütten, teilen sich die Ärmsten zu viert fünf Quadratmeter.
    foto: epa/hrusa

    Draußen ist Platz zum Fußballspielen. Drinnen, in den Blechhütten, teilen sich die Ärmsten zu viert fünf Quadratmeter.

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