Honigfabrik aus der Frühzeit

7. Juni 2010, 21:00
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Archäologen analysieren Bienenstöcke in der historischen Stadt Tel Rechov

Jerusalem/Wien - Obwohl Israel in der Bibel häufig das "Land, wo Milch und Honig fließen" genannt wird, kommen Bienen darin nur gezählte zwei Mal vor. Da es auch sonst aus dem antiken Nahen Osten keine Hinweise auf Bienenhaltung gab, ging man lange Zeit davon aus, dass nicht von Bienenhonig die Rede sei, sondern von einem Honig, der aus Obst wie Feigen oder Datteln gemacht wurde.

Das änderte sich schlagartig, als die Archäologen um Amihai Mazar vom Institut für Archäologie der Hebräischen Universität in Jerusalem in der historischen Stadt Tel Rechov nahe dem Jordan Bienenstöcke ausgruben, die auf 900 vor Christus datiert wurden. In den Waben, die sich in den 3.000 Jahre alten Stöcken fanden, stießen die Forscher auch auf Reste von Arbeiterinnen, Drohnen und Jugendstadien, die darin gehalten wurden.

Die Ergebnisse der elektronenmikroskopischen Untersuchung der uralten Bienenteile wurden nun in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht.

Wie Guy Bloch vom Institut für Lebenswissenschaften der Hebräischen Universität in Jerusalem und seine Kollegen an Flügeln und Beinen herausfanden, gehörten die damaligen Bienen nicht derselben Unterart an, die heute in Israel vorkommt.

Sie vermuten, dass die Bewohner von Tel Rechov Honigbienen aus dem Gebiet der heutigen Türkei importierten - möglicherweise, weil sie bessere Erträge brachten und/oder weniger stechfreudig waren als die angestammte Unterart.

Tel Rechov beherbergte übrigens nicht etwa nur vereinzelte Stöcke, sondern eine ganze Imkerei: Die Bienenvölker wurden in übereinandergestapelten zylinderförmigen Gefäßen aus ungebranntem Lehm gehalten, die 80 Zentimeter lang und 40 Zentimeter im Durchmesser waren. Viele der Stöcke waren zerdrückt oder zerstört, aber man schätzt, dass bis zu eine Million Bienen in dem Gebäude untergebracht waren, die pro Jahr hunderte Kilogramm Honig und Wachs erzeugten.

Dabei lag die "Honigfabrik" mitten in dichtbebautem Gebiet, wenn auch von hohen Ziegelmauern umgeben. Aus ägyptischen Wandmalereien und Texten kannte man Honig schon lange als einen begehrten Stoff, der nicht nur zum Süßen von Speisen verwendet wurde, sondern auch in der Medizin und bei religiösen Ritualen benutzt wurde.

Die 3000 Jahre alten Bienenstöcke von Tel Rechov waren dererste Beweis dafür, dass die klebrige Flüssigkeit auch im Nahen Osten eine wirtschaftliche Rolle spielte. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 6. 2010)

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    Die Bewohner von Tel Rechov importierten die Bienen vermutlich aus dem Gebiet der heutigen Türkei.

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