Schuldsprüche nach Giftgas-Katastrophe von Bhopal

7. Juni 2010, 14:28
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Tausende Menschen 1984 umgekommen - Acht leitende Angestellte des US-Konzerns Union Carbide wurden der "fahrlässigen Tötung" für schuldig befunden

Bhopal - Mehr als 25 Jahre nach der Giftgaskatastrophe in der indischen Stadt Bhopal hat ein Gericht erstmals leitende Angestellte des US-Konzerns Union Carbide der "fahrlässigen Tötung" für schuldig befunden. Wie die Nachrichtenagentur IANS am Montag berichtete, wurden der ehemalige Chef von Union Carbide in Indien, Keshub Mahindra, und sieben weitere Inder zu jeweils zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Das indische Nachfolgeunternehmen von Union Carbide muss zudem eine Geldstrafe in Höhe von 500.000 Rupien (etwa 8.700 Euro) zahlen. Bürgerrechtler kritisierten das Urteil scharf.

Am 3. Dezember 1984 waren aus der ehemaligen Pestizidfabrik von Union Carbide in Bhopal etwa 40 Tonnen hochgiftiges Methylisocyanat (MIC) ausgetreten. Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass in den 72 Stunden nach dem Unglück 8.000 Menschen zu Tode kamen. An den Spätfolgen starben bis heute mehr als 15.000 weitere Opfer in Bhopal. Mindestens 100.000 Menschen wurden chronisch krank. Insgesamt waren eine halbe Million Einwohner mit dem Gas in Berührung gekommen.

Bürgerrechtler: "Urteil ist ein juristisches Desaster"

Vor dem Gericht in Bhopal, der Hauptstadt des zentralindischen Bundesstaates Madhya Pradesh, protestierten am Montag hunderte Menschen gegen die Entscheidung. "Das Urteil ist ein juristisches Desaster", sagte der Bürgerrechtler Satinaht Sarangi dem Sender NDTV. Die Richter bewerteten damit eine der größten Katastrophen der Industriegeschichte wie einen Verkehrsunfall. Rachna Dhingra von der Internationalen Kampagne für Gerechtigkeit in Bhopal (ICJB) beklagte: "Zwei Jahre Gefängnis für die Tötung von 25.000 Menschen? Wo ist da die Gerechtigkeit?" Bürgerrechtsgruppen kündigten an, vor dem Obersten Gerichtshof Berufung gegen das Urteil einzulegen.

Der Strafprozess gegen die indischen Angestellten war 1987 eröffnet worden. Um die Auslieferung des damaligen Firmenchefs Warren Anderson aus den Vereinigten Staaten hatte sich die indischen Regierung nach eigenen Angaben vergeblich bemüht. Bürgerrechtler werfen den Behörden dagegen Untätigkeit vor.

Das Chemieunternehmen Dow Chemical, in dessen Besitz Union Carbide seit 2001 ist, betrachtet die Gaskatastrophe von Bhopal offiziell als abgeschlossenes Kapitel der Firmengeschichte. Bereits 1989 hatten sich der Konzern mit der indischen Regierung auf eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 470 Millionen US-Dollar (390 Mio. Euro) verständigt. Nach indischen Medienberichten erhielten bis 2004 mehr als eine halbe Million Geschädigte sowie die Familien von 15.274 Toten jeweils Einmalzahlungen in Höhe von wenigen hundert Euro. Bürgerrechtler hingegen fordern die langfristige Rehabilitierung der Opfer, unter anderem durch Renten und eine kostenlose medizinische Versorgung. (APA)

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