Unfall-Studie

Airbag und Gurt Ursache vieler Verletzungen

7. Juni 2010, 15:05
  • Artikelbild
    foto: apa/epa/files

    Sicherheitsgurte und Airbags reduzieren die Zahl der Todesfälle und Beinverletzungen bei Verkehrsunfällen, sind aber andererseits die Ursache zahlreicher schwerer Verletzungen im Bereich des Oberkörpers.

Brust- und Armverletzungen als Folge: Unfallchirurgen fordern technische Weiterentwicklung

Airbag und Sicherheitsgurt retten zwar einerseits Leben - andererseits verursachen sie aber auch zahlreiche Brust- und Armverletzungen, wie eine aktuelle Studie zeigt. Die technische Weiterentwicklung der gängigen Systeme in Kraftfahrzeugen sei daher dringend nötig, fordert der britische Unfallchirurg Mark Chong beim Europäischen Orthopädiekongress (EFORT) in Madrid.

Sicherheitsgurte und Airbags konnten die Zahl der Todesfälle und Beinverletzungen bei Verkehrsunfällen zwar deutlich reduzieren, sind aber andererseits die Ursache zahlreicher schwerer Verletzungen im Bereich des Oberkörpers. Dies ergab eine aktuelle Analyse US-amerikanischer Unfalldaten durch britische Wissenschaftler. "Eine Weiterentwicklung der gängigen Rückhaltesysteme in Kraftfahrzeugen ist daher dringend nötig," forderte der Unfallchirurg Dr. Mark Chong (University Hospital North Durham, GB) beim 11. Jahreskongress der European Federation of National Asso! ciations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) in Madrid. "Das Ziel müssen Systeme mit abgeschwächter Dynamik sein, die sowohl Leben retten als auch vor Verletzungen der oberen Extremitäten schützen." 

Schlüsselbeinbrüche durch Sicherheitsgurte bedingt

Bisherige Unfallfolgenstudien haben fast ausschließlich Todesraten sowie Verletzungen an den Beinen analysiert, welche durch Gurt und Airbag dramatisch reduziert werden konnten. Die aktuelle Analyse hingegen ist eine der ersten, die Verletzungen an den oberen Extremitäten evaluiert. Ausgewertet wurde das Datenmaterial des CIREN (Crash Injury Research and Engineering Network), des US-amerikanischen Forschungsnetzwerks gegen Verkehrsunfallverletzungen.

Das Ergebnis: 144 (32,4 Prozent) der insgesamt rund 450 untersuchten Verletzungen waren Brüche, der Rest Weichteilverletzungen vor allem der Oberarme. 74,5 Prozent der Brüche betrafen die Unterarme, die durch weniger umgebende Weichteile geschützt sind. "Mehr als ein Fünftel der registrierten Unterarmbrüche, genau 21,5 Prozent, waren direkt auf die Auslösung des Airbags zurückzuführen. Und sämtliche der 21 Schlüsselbeinbrüche in unserem Analyse-Sample waren durch Kompressionen durch den Sicherheitsgurt verursacht," erläuterte Chong. "Die übrigen, von den Sicherheitseinrichtungen nicht direkt verursachten Brüche wurden durch diese zumindest nicht verhindert. Fatal ist beides vor allem deshalb, weil Unfallopfer mit Brüchen ein wesentlich höheres Sterblichkeitsrisiko haben als jene, die lediglich Weichteilverletzungen erleiden".

Experte fordert mehr Sicherheit für Gurte und Airbags 

Als Konsequenz fordert Unfallforscher Chong eine Weiterentwicklung von Sicherheitsgurten und Airbags unter Berücksichtigung der neuen Erkenntnisse: "Zwar haben moderne Rückhaltesysteme insgesamt einen großen Beitrag zur Senkung der Zahl der Verkehrstoten geleistet, doch gerade indem sie ihre primäre Wirksamkeit entfalten, verursachen sie auch schwerwiegende Verletzungen, die bisher kaum beachtet wurden. Zur Erzielung weiterer Fortschritte muss offenkundig auch die spezifische Verletzungsanfälligkeit der oberen Extremitäten mit einbezogen werden. Wir gehen davon aus, dass unsere Daten die Diskussion um neuartige, abgeschwächter agierende Rückhaltesysteme beleben wird. Ziel der Entwicklung muss sein, sowohl Leben zu retten als auch die oberen Extremitäten vor schweren Verletzungen zu schützen." (red)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
1 2
Elke Ospert
04

Ein System das frühestens dann reagieren kann, wenn das Auto irgendwo dagegen fährt steht vor dem physikalischen Problem, die vorhandene Aufprallgeschwindigkeit auf kürzester Strecke (Autovorderkante bis Fahrer < 2 m) ggf. auf 0 reduzieren zu müssen. Die dabei auftretenden Kräfte sind aber irgendwann immer tödlich.
Die Lösung kann langfristig nur darin bestehen, dass das Auto bereits vor dem Unfall bremst und dazu wäre es hilfreich, wenn Fahrzeuge untereinander Informationen über Position, Geschwindigkeit, Fahrrichtung, Reibungswerte, Temperatur etc. per Funk austauschen. Damit könnte z.B. die Gefahr eines Stauendes auf der Autobahn deutlich reduziert werden, weil die bereits stehenden Fahrzeug entsprechende "Warnmeldungen" versenden.

sleepyc
01
10.6.2010, 11:17
DAS klingt nach einem wirklich guten ansatz

chapeau.
nur: ottoilie und otto normalverbraucher werden sich noch lange nicht das steuer aus der hand nehmen lassen.
obwohl es - z.b. auf autobahnen das nonplusultra wäre.

Elke Ospert
00
13.6.2010, 12:38

Keine Sorge - man darf noch selber fahren:

http://www.faz.net/s/Rub58F0... ntent.html

Und der Datenaustausch soll sogar noch bei 400Km/h funktionieren...

Lenor
10
Jawohl ! Lasst uns auf Gurt und Airbag wieder verzichten.

Die Krankenhäuser, Ärtze und Bestatter hätten einen unfassbaren Aufschwung.

Toeris
01

Nö. Die Leichenbestatter.

obibiber
00
intern-externe-knautschzonen-erweiterung

schaumgummi autos, schaumgummi fahrräder, schaum gummi züge, schaumgummi straßenbeleuchtungen, schaumgummi bäume, schaumgummi häuser, schaumgummi felsen...

Kra Wuzikabuzi
02
gummi-gummi-zwerg

auf dem gummi-gummi-berg...

c1at
12
4 punkt gurt

würde helfen denke ich...und die gebrochenen arme kommen vom "cool fahren"-sprich sitz weit zurück und ausgestreckten armes herumfahren...lernt man in jedem sicherheitskurs...

Angelika70
36

Die wiegen ernsthaft einen Unterarmbruch gegen den Tod auf?!

A Voice
110
Nein

sie verlangen, dass ein vermeidbarer Unterarmbruch auch noch vermieden wird.

Kra Wuzikabuzi
03
scheiss seile, jetzt habe ich striemen am ganzen körper

sagte der bergsteiger als er nach dem 40m-sturz in diesen hing....

sleepyc
02
... und die wand 425m hoch war...

:-)

sleepyc
02
abgesehen davon, dass ich die studie in sich

dämlich finde (wer kann ernsthaft ein gebrochenes schlüsselbein gegen den verlust des lebens abwägen), stellen sich weitere essentielle fragen:

- bezieht sich die studie auf die in den usa immer noch gängigen 2-punkt-gurte?
- hat er auch versuche mit hosenträger-gurtsystemen gemacht (siehe rennsport)?
mit einem state-of-the art käfig im auto, einem optimalen Sitz und einem fia-zertifizierten hosenträgergurt in kombination mit hans und helm hat man beste chancen auch einen crash bei >250 km/h relativ unverletzt zu überstehen.
Ohne Airbag.
Ist halt im alltag furchtbar unpraktisch.
D.h. Straßenfahrzeuge werden immer den kompromiss zwischen sicherheit und bequemlichkeit in sich tragen. zum nachteil aller unfallopfer.

verleih nix
22
die studie will gar nix abwägen

die fordert nur eine weiterentwicklung der gurtsysteme um verletzungen am brustkorb und den oberen extremitäten zu minimieren. seit den 70ern ist da nix mehr passiert und das ist schon ein missstand. ein vernünftiges rückhaltesystem würde auch die airbagauslösung und die damit verbundenen verletzungen am gehör vermeiden. zeit wär's!

GWS
 
00

"seit den 70ern ist da nix mehr passiert" - so ein Blödsinn. In den 70ern waren statische 2-Punkt-Gurte zumindest auf den Rücksitzen Standard, Airbags gab es nicht einmal bei Mercedes oder Volvo.

Heute sind 3-Punkt-Gurte auf allen Plätzen allgemeiner Standard, zumindest vorne meist auch mit Höhenverstellung, mit Gurtkraftbegrenzern und 2-stufigen Gurtstraffern. Dazu noch eine ganze Armada von Airbags selbst in jedem Kleinwagen.

Elke Ospert
02
crash bei >250 km/h ?

Wenn Sie mit > 90 km/h gegen ein nicht nachgebendes Hindernis ("Wand") knallen dann brauchen Sie einen sehr guten Schutzengel um das schwerstverletzt zu überleben. Bei > 110 km/h brauchen Sie ein Wunder.
Den auch der beste Käfig samt fia-zertifierztem Hosenträger ändern nichts an den negativen Beschleunigungskräften die bei so einem Crash auftreten. Und die hält der menschliche Körper eben nur begrenzt aus.
Bei den spektakulären Unfällen in der Formel 1 waren die Verzögerungsstrecken sehr viel länger und die G-Kräfte daher viel niedriger.
Es hat schon einen Grund warum Crashtest nur mit knapp 70 km/h gemacht werden.....

sleepyc
01
unfälle, bei denen man ungebremst und frontal

in eine wand (oder ein vergleichbar starres hindernis) kracht, sind nahezu schon absichtlich herbeigeführt, weil sie (auch im normalen straßenverkehr) praktisch nie auftreten.
selbst bei einem frontalzusammenstoß zweier pkw gibt irgendwo etwas nach - und ein großteil der kräfte wird abgelenkt.
wollte auch nicht sagen, dass die renn-g'schichten der weisheit letzter schluss sind - sondern ausschließlich, dass sicherheitssysteme in alltags-pkw immer ein kompromiss mit der bequemlichkeit sein werden.

Elke Ospert
12

Euro NCAP Test:

Frontalcrash: Das Fahrzeug wird auf eine Geschwindigkeit von 64 km/h beschleunigt und prallt dann seitlich versetzt, frontal auf eine deformierbare Barriere.
Pfahlcrash: Mit 30 km/h prallt das Fahrzeug seitlich auf der Höhe des Fahrers auf eine Stahlsäule.

Der Grund für die "niedrigen" Geschwindigkeiten liegt darin, dass bereits bei etwas höheren Geschwindigkeiten die Überlebenschancen rapide sinken.
Wenn Sie nun mit 250 km/h unterwegs sind ("...beste chancen auch einen crash bei >250 km/h relativ unverletzt zu überstehen...) und ihre Bremse mit 1g verzögert dann brauchen Sie mindestens 5,2 sek reine Bremszeit und 230 m reinen Bremsweg um in den "Überlebenszone" 64 km/h zu kommen! Wohlgemerkt ohne Reaktionszeit - mutig!

sleepyc
01
ja ja JA

ich hab sie schon verstanden.
grau ist alle theorie - und rechnen kann ich auch.
aber, es ist eh wurscht.

Elessar
42

tolle studie!

dann in zukunft airbag und gurt raus. es sterben zwar mehr leute aber es gibt sicher weniger knochenbrüche!

lassen wir doch einfach die leute wählen. wer sein lenkrad oder ähnliches in brustkorb oder lunge wieder finden will, dafür aber seine schulter, schlüsselbein oder ähnliches schont kann dies ruhig machen!

da sieht man wieder das mediziner auch physikvorlesungen besuchen sollten!

masterjo
07

bitte sinnerfassend lesen

Hansi Hinterseer6
01
Adaptive Systeme

So wie ich den Artikel lese ist das ganz klar eine Forderung von adaptiven Systemen, die allerdings sehr rasch reagieren müssen und einfach aufgebaut sein müssen, um eine ständige Funktionsbereitschaft zu gewährleisten. Dass solche Systeme entwickelt werden bzw. auch verfügbar sind sieht man z.B. hier: http://www.inventus.at/projekte/... sorber.htm

¤
00
Risikokompensation

Wenn man Autos so bauen würde, dass sie bei einem Unfall mit schneller 20 km/h sofort explodieren, würds insgesamt wohl noch weniger Unfälle und Opfer geben.

Wenn man sicherer unterwegs ist riskiert man eben mehr.

Schurli Schorsch
 
20

was für eine geniale schlussfolgerung, die die mediziner da geliefert haben. opfer mit knochenbrüchen sterben öfter nach unfällen als solche ohne. mag vll daran liegen, dass auch die aufprallenergie größer ist in diesen fällen und damit der unfall generell schwerer? aber das ist wohl schon wieder zu viel physik für einen arzt...

Sukram's Panopticum
 
02

Sie sollten so früh am morgen einfach nicht mehr posten... mit energie oder physik hat es direkt nichts zu tun, sondern mit inneren Blutungen, die durch Knochensplitter oder verdrehten Knochen entstehen können. => erhöhtes Sterberisiko!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.