Die Ränder sind interessanter als die Mitte

6. Juni 2010, 21:26
3 Postings

Die Schriftstellerin Zdenka Becker erzählt über die ersten Jahre in Österreich und wie sie durch das Schreiben der "anfänglichen Lautlosigkeit" entkommen ist

Zdenka Becker hat bereits mit fünf Jahren, noch bevor sie schreiben konnte, begonnen Geschichten zu erzählen. Die Großeltern dienten dabei als Inspiration: "Sie lasen mir aus der Bibel vor. Ich habe diese Geschichten geliebt", erzählt Becker. Im Kindergarten war sie von den Erzählungen der Brüder Grimm sowie den Volksmärchen aus aller Welt fasziniert. Da es zu der Zeit keine allzu große Auswahl an Märchenbüchern gab und sie den von immer gleichen Geschichten gelangweilt war, dachte sie sich eigene aus, die bei anderen Kindern großen Anklang fanden.

Nach der Schulreife belegte sie das Studienfach Wirtschaft: "Das hängt mit dem Kommunismus zusammen, nicht mit meiner freien Entscheidung", betont Becker und spricht von einem schweren Fehler im damaligen Hochschulsystem, das von Zulassungsbeschränkungen und Protektion gekennzeichnet war. Sie hätte lieber Publizistik studiert und wollte eigentlich Journalistin werden, aber "da wurde nur jeder Zwölfte aufgenommen." Daher entschloss sie sich "als Kind einfacher Eltern und ohne Protektion" für das Wirtschaftsstudium, denn dieses Fach war weniger überlaufen und die Aufnahmewahrscheinlichkeit dementsprechend größer.

Der Liebe nachwandern

Der Liebe wegen kam Becker schließlich nach Österreich. 1975 folgte sie ihrem Ehemann, den sie Anfang der 1970er während der Semesterferien in der Hohen Tatra kennen lernte, nach Österreich. Das Übersiedeln war mit viel Bürokratie verbunden. "Das war nicht so einfach mit der Grenze", merkt Becker an. Insgesamt hat sie ein Jahr damit verbracht Papiere ausfertigen zu lassen und Ausreisegenehmigungen zu erhalten. Die ersten Jahre als Emigrantin verbrachte Becker in Wien und wollte so schnell wie möglich die deutsche Sprache erlernen, besuchte eifrig Sprachkurse. Bis dahin hatte sich das Ehepaar auf Englisch unterhalten.

Anfangs Lautlosigkeit

Becker hatte als Neuzugewanderte zwar keinen "Kulturschock" - Historie und Kultur der alten und neuen Heimat ähneln sich zu sehr - dafür aber einen Sprachschock. Das erste Jahr bezeichnet sie rückblickend als Zeit der Lautlosigkeit. Die junge Mutter ging zwar gerne auf der Mariahilferstrasse mit dem Kinderwagen flanieren, denn "Geschäfte und Auslagen habe ich angeschaut wie eine Galerie", schwärmt Becker heute noch von der ihr damals unbekannten Vielfalt von Geschäften und Marken. Aber erst nach zwei Jahren, nachdem sie sich der Sprache etwas mächtiger fühlte, traute sie sich in die Geschäfte hinein und beantwortete die Fragen der Verkäuferinnen.

Verlustgefühle

Trotz der raschen Aneignung der deutschen Sprache wurde Becker aufgrund ihres Akzents, auch nach mehreren Jahren noch, nach ihrer Herkunft befragt: "Nach zwei, drei Jahren habe ich begriffen, ich werde hier immer Ausländerin sein und hatte das Gefühl alles verloren zu haben...Familie, Freunde, Heimat. Vor allem die geschlossene Grenze hat aufs Gemüt gedrückt. Erst als ich zu schreiben begann, war dieses Gefühl weg", erzählt die Schriftstellerin.

Schreiben...auf Deutsch

Den Weg zum Schreiben hat sie über ihre zwei Kinder gefunden, die mehr als die üblichen Kindermärchen von der Mutter hören wollten. "Da habe ich meine alten Geschichten herausgekramt, erzählt und aufgeschrieben. Und mir gedacht, warum nicht gleich ein Kinderbuch schreiben", erklärt Becker wie sie vor mehr als 25 Jahren zum Schreiben und Geschichtenerzählen (zurück)gefunden hat.

Die Texte hat sie spontan an Rundfunkstationen geschickt, die Erzählungen wurden daraufhin im Österreichischen und Westdeutschen Rundfunk sowie in der Schweiz gesendet. Dabei hat sie von Anfang an auf Deutsch geschrieben: "Ich hätte mir nie gedacht, auf Deutsch zu schreiben. Aber es fiel mir nicht schwer, der Wunsch zu schreiben war einfach zu stark", erzählt die Autorin von mittlerweile dreizehn Romanen, mehreren Gedichtbänden und zahlreichen Theaterstücken.

Nicht die jammernde Ausländerin

Heute besitzt Zdenka Becker die slowakische und die österreichische Staatsbürgerschaft. Dabei wird sie von beiden Ländern als jeweils "heimische oder fremde" Schriftstellerin beansprucht: "In Österreich werde ich als slowakische Schriftstellerin gesehen und in der Slowakei als österreichische. Hier sagt man mir, ich bringe das Slowakische in die österreichische Literatur." Wobei sich "das Slowakische" nicht näher definieren lässt.

Die im tschechischen Eger geborene Becker legt großen Wert darauf, sich nicht "in Nationalitäten hineinpressen zu lassen." Sie beschäftigt sich mit dem Thema Migration weder auf provokative noch jammernde Art, will das Anderssein nicht aufs Podest stellen und nicht in die Ecke der "exotischen" Migrationsliteratur gestellt werden: "Ich möchte nicht die jammernde Ausländerin sein, ich möchte akzeptiert, aber nicht bemitleidet werden", betont Becker.

"Ränder sind interessanter"

Sehr wohl betrachte sie das Thema Migration aus einem anderen Blickwinkel: "Mich interessiert das Andere, die Ränder sind interessanter als die Mitte. Was passiert im Ausland in der Verbindung mit dem Heimischen, auch bei einem Österreicher im Ausland", erklärt Becker ihr Interesse an den Lebenswelten von Emigranten.

Ihre Romane sind exemplarisch für das Anderssein: "Was passiert wenn ich meine Heimat verlasse, was finde ich dort? Ich gebe keine Antworten, ich beschreibe nur eine Geschichte und viele Leute sehen sich darin wieder und identifizieren sich damit", umschreibt die Schriftstellerin ihr literarisches Schaffen und die Resonanz des Leserpublikums darauf.

Der aktuelle Roman "Taubenflug" ist ebenfalls exemplarisch für die Geschichte von Zu- bzw. Ausgewanderten: "Die Brieftaube fliegt immer nachhause zurück, sie ist eine wunderbare Metapher für Emigranten, egal wo wir hingehen, wir fliegen, wenn auch nur in Gedanken, nachhause", lautet Beckers Fazit. (Güler Alkan, daStandard.at, 6.6.2010)

  • Artikelbild
    foto: www.lukasbeck.com
Share if you care.