Relationen aus den Fugen

6. Juni 2010, 19:56
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Warum es der Empörung über die israelische Intervention vor Gaza an Glaubwürdigkeit mangelt - von Thomas Friedman

...zugleich aber auch bezweifelt werden darf, dass die Fortführung der Gaza-Blockade wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.

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Ich habe kein Problem damit, wenn die Türkei oder Menschenrechtsgruppen Israel offen kritisieren. Aber es ist für mich äußerst problematisch, wenn Leute so aufgeregt auf das Vorgehen von Israel in Gaza reagieren aber ungerührt bleiben angesichts der Beteiligung von Syrien an der Ermordung des libanesischen Premierministers, angesichts des iranischen Regimes, das die eigenen Bürger tötet, wenn sie für ihr Recht auf korrekte Auszählung ihrer Wahlstimmen demonstrieren; angesichts muslimischer Selbstmordbomber, die am Freitag an die hundert Ahmadi-Anhänger in pakistanischen Moscheen ermordet haben sowie angesichts der Verwüstung eines von der UN gesponserten Sommerlagers in Gaza durch Pro-Hamas-Schützen - weil sie die Lager-Führung weigerte, den Kindern den islamischen Fundamentalismus mit dem Nürnberger Trichter einzuflößen.

Die Betroffenheit um Gaza und die israelische Blockade ist angesichts der vielen anderen schrecklichen Vorfälle in der Region derart unverhältnismäßig, dass es nicht überrascht, wenn Israelis diese Stimmen nur als Ausdruck des Hasses deuten und nicht als Ratschlag von Freunden.

Die Türkei spielt eine zentrale Rolle als Vermittler zwischen Osten und Westen. Wenn die Türkei zu weit gegen Osten schlingert, mag das gewiss in machen arabischen Gassen populär sein, aber sie würde dabei ein gutes Stück ihrer strategischen Relevanz einbüßen und - noch viel wichtiger - seine historische Rolle als ein Land, das es vermag, gleichzeitig muslimisch, modern und demokratisch zu sein - mit guten Beziehungen sowohl zu Israel als auch zu den Arabern.Wenn diese Krise vorbei ist, muss es zu diesem Gleichgewicht zurück finden.

Israel ebenso. Es steht außer Frage, dass diese Flotte ein abgekartetes Spiel war. Der israelische Geheimdienst hat versagt bei der Einschätzung der Personen, die sich auf dem Schiff befanden, und die israelische Regierungsspitze hat zweifellos gegenüber der Anforderung versagt, eine kreativeren Lösung zu finden, um genau jene gewaltsame Konfrontation zu vermeiden, auf die es die Blockade-Stürmer anlegt hatten.

Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen, dass die Teilblockade Israels gegen die Hamas und den Gaza jetzt bereits gute vier Jahre andauert. Und das ist sicherlich nicht allein die Schuld Israels - angesichts der Tatsache, dass die Hamas dem Staat Israel nach wie vor das Existenzrecht abspricht, Friedensabkommen auch schon in der Vergangenheit immer wieder abgelehnt hat und nicht aufhört, Israel mit Raketen zu beschießen.

Aber eines weiß ich ganz gewiss: Es liegt in überwältigendem Ausmaß im Interesse Israels, mehr diplomatische Fantasie und Energie aufzubringen, um die Gaza-Besetzung zu beenden. Wie lange will man denn das noch fortsetzen? Soll eine ganze neue Generation im Gaza aufwachsen, der Israel vorgibt, wie viel Kalorien jedem einzelnen zustehen? Das kann nicht in Israels Interesse sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2010)

1) Der Schriftsteller und "Peace now" -Mitbegründer hat in einem in der Samstag-Ausgabe an dieser Stelle dokumentierten Kommentar ("Die Grenzen der militärischen Gewalt") die Haltung Israels emphatisch verurteilt.

Thomas Friedman ist Nahost-Experte und Star-Kolumnist der "New York Times"; Nachdruck in Kurzfassung; Übersetzung: Elisabeth Loibl

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