Das parteipolitische Denken treibt uns ins Unglück

06. Juni 2010 18:25

Was offenbar jede Krise ohne Reform und ohne Kürzung übersteht, sind Parallelverwaltungen, Kassenbürokratie und kostspielige Landesverordnungen

Wenn genug Geld da ist, fällt's nicht so auf. Die Parteipolitiker können ihr Klientel befriedigen. In einer Krise wie jetzt geht es ans Eingemachte. Da will niemand etwas hergeben, die Ärmsten sind auch am schlechtesten dran. Sie haben in Österreich wenigstens die Sozialorganisationen der Kirchen, wie das jüngste Eintreten Michael Landaus (Caritas) und des Wiener Kardinals Christoph Schönborn für die Mindestsicherung zeigt.

Was offenbar jede Krise ohne Reform und ohne Kürzung übersteht, sind Parallelverwaltungen, Kassenbürokratie und kostspielige Landesverordnungen - siehe Baurecht mit neun Spielarten.

Warum dieser Zustand nicht geändert wird, hat kürzlich ein Insider erläutert: Die diffizilen Besonderheiten der Bauvorschriften in den Ländern dienen dem Erhalt mittelständischer und kleiner Betriebe, die sich darin auskennen wie in der eigenen Rocktasche. Würde man ein bundeseinheitliches Baurecht schaffen, könnten große, bundesweit agierende Baufirmen in den kleinteiligen Wohnungsbau eindringen und das lokale Gewerbe verdrängen. Das will die ÖVP nicht und wird aus Arbeitsplatz-Gründen von der SPÖ unterstützt. So weit so gut.

Diese und viele andere Rechtsspezialitäten der Länder werden von einer Heerschar von Landesbeamten verwaltet, die keinerlei Interesse haben, ihren eigenen Job zu gefährden. Aber es gibt Bereiche, die mit viel geringeren wirtschaftlichen Problemen verbunden sind. Die Schulverwaltungen etwa, deren regionale Bürokratie-Ausprägungen leicht einzusparen wären.

Hier kommt der parteipolitische Aspekt ins Spiel - die christlichen Lehrer und der ÖAAB zum Beispiel, die bei einer Zentralisierung Funktionäre verlieren würden. Ebenso die SPÖ und ihre Lehrervertreter. Also wird gegen Reformen (=Einsparungen) Sturm gelaufen. Die Argumente stammen meist aus der Mottenkiste.

Wenn nun ein Staatssekretär wie der schwarze Reinhold Lopatka in einem STANDARD-Interview genau das beklagt (weil er die Verhältnisse als ehemaliger steirischer Landespolitiker genau kennt), die Schuldigen aber nur in den SPÖ-Ländern sieht, dann schießt der Parteipolitiker den Sachpolitiker ins Knie. Weil Lopatkas SPÖ-Kollege Andreas Schieder (Kostenstelle: Proporz) kontert und auf die Bremser in den VP-Ländern zeigt. - Also ein Patt. Dafür zahlen wir Politikergehälter.

Das gegenüber Sachlösungen vermummte Denken der Parteipolitiker treibt uns noch ins Unglück. Das griechische Beispiel reicht ihnen nicht und das kärntnerische auch nicht. Sie machen weiter, bis ihnen das Wasser zum Hals steht.

Im Herbst, nach den steirischen und Wiener Wahlen wird es so weit sein. Aber weil sie auch dann noch keine Lösungen zum Einsparen haben, werden sie die Steuer auf Benzin- und Dieselpreis erhöhen, so genannte Verwaltungsgebühren (Urkunden, Pässe, Führerscheine) anheben und dort, wo die Mehrwertsteuer bei zehn Prozent liegt, auf zwölf Prozent gehen.

Die Strukturen der Republik werden bleiben wie sie sind. Und die Politiker auch. (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 7.6.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2
Post-vom-Poster
 
21.06.2010 08:59
Parallelverwaltungen, Kassenbürokratie und kostspielige Landesverordnungen

Es gehört
a) der RH beim Bu.-Präsidentenamt angesiedelt, ausgebaut und mit Klagskompetenz ausgesattet;
b) ein Straftatbestand definert, der diesen Betrug am Bürger und Steuerzahler sanktioniert; die Sanktion Abwählen für unfähige Politiker und Parteien ist bei diesem lausigen Wahlrecht keine wirkliche ...
Jeder Freiberufler und Professionist, der seinem Kunden alles Mögliche verspricht, dann aber etwas anderes tut oder eine derart minderwertige Ramschleistung liefert, würde kiloweise mir Schadenersatzklagen eingedeckt werden!
Aber diese vielen Parteifritzis, Selbstbediener und Eigenvermarkter dürfen das ohne Ende - und die dumme Masse lässt sich von Parteipropaganda und ministerialen Anzeigenkampagnen immer wieder einlullen ...

wellenschreiber
07.06.2010 17:34
und was mach ma dann mit tausenden Arbeitslosen...

... die in den angesprochenen Verwaltungen "eingespart" werden? Lösen sich die in Luft auf und kosten auf einmal nix mehr? Sehr weit hat der Qualitätsredakteur da nicht gedacht!

Aurvandill der Erste
08.06.2010 05:06
Wieso "gedacht"?

Der schreibt halt irgendwas, das in die Blattlinie passt. Der Tag ist lang, das Konto leer. Ein bissl auf Parteien eindreschen geht immer, alle klatschen Beifall und sind zufrieden.

Das kann der Rauscher auch, sogar in der Pensi. der schreibt dann in jedem zweiten Beitrag irgendetwas von "Sozialabbau" und gut is'.
Blattlinie auch da erfüllt, Bingo!

Denken ist dafür nicht notwendig.

vom anderen Sternli
07.06.2010 15:29
Bin ich im Jahr 1932?

Das ist eigentlich Faschismus pur. Diese Argumentation hätte, natürlich mit anderen Parteinamen in jeder faschistischen Zeitung Europas stehen können. Das Parteiengeschachere war eine gängige Argumentationslinie unter den Faschisten Europas.
Daran knüpft der Autor nahtlos an, ohne sich dessen vielleicht bewusst zu sein. Eine Alternative kann er uns aber nicht bieten. Die Faschisten hatten eine: Statt Parteien brauchte man Führer!

Hannes31
07.06.2010 16:18

Das verstehe ich unter faschistischer Propaganda:
http://www.kleinezeitung.at/steiermar... uell.story

Hier kritisiert Hr. Sperl zu Recht die Parteien und das hat meiner Meinung überhaupt nichts mit faschistoider Propaganda zu tun...




vom anderen Sternli
07.06.2010 18:33
Noch schlimmer!

Der Artikel in der (geistig) kleinen Zeitung ist noch schlimmer! Der hätte aus dem Völkischen Beobachter der Jahre 1931 bis 1933 stammen können. Ich habe dort solche Artikel bis zum Erbrechen aus beruflichen Gründen lesen müssen. Die Diktion ist moderner, die Aussagen sind die gleichen: Alle demokratischen Politiker können nichts.
Habe ich es überlesen, oder hat Herr Sperl auch mal eine Alternative aufgezeigt, wie man Demokratie ohne Parteien ausüben könnte? Zur repräsentativen Demokratie gehören nun mal Parteien; selbst wenn sie nur schwach organisiert sind wie in den USA.
Alles andere würde das Ende der Demokratie bedeuten.
Deshalb sind die Ausführungen zumindest ansatzweise faschistoid.

Post-vom-Poster
 
21.06.2010 09:04
Wie wär's ...

... mit einem wirklich fortschritlichen Persönlichkeitswahlrecht und einer guten politischen Bildung, so dass eine kritische Öffentlichkeit diesen Leuten ordentlich auf die Finger schaut und ihnen auch draufklopft, wenn zB ein Selbstdarsteller Mis baut, sich KHG-like Eskapaden oder Haider-like Misswirtschaft und Korruption leistet usw ... ??
Dann hätten übrigens auch so selbstverliebte, z tief
st reaktionäre Hundestreichler viel weniger Möglichkeiten, eine ganze Republik nach seiner Pfeife tanzen zu lassen ...!!

Winter20
07.06.2010 13:45
Höhere Steuern

bedeuten mehr Geld, Pfründe, Einfluss und Macht für Funktionäre und Parteien. Folglich wird es weder die dringend erforderliche Bundesstaatsreform noch eine Reduktion der aufgeblähten Bürokratie oder Reduktion der Parteienförderung geben.

Otsch1
 
07.06.2010 13:43

Leider leben wir (noch) in einer Partykratie.

meineMeinung
07.06.2010 12:39

Weg mit den Politikern!

Matxalen epelde
07.06.2010 12:33
Die Kirche sollte sich hier sehr zurücknehmen!

http://www.andreas-unterberger.at/2010/06/s... -kardinal/

Doc Steel
07.06.2010 16:28
bewerbungsschreiben

will er jetzt bei der krone anfangen?

Christoph Karl Steininger
07.06.2010 15:02
Habe den Unterberger Artikel gelesen.

Er (der Artikel) strotzt nur so vor Ungenauigkeiten, unbewiesenen Behauptungen und Fehlern.
Es ist eine Suade und kein Artikel.

Wasmichstört
07.06.2010 11:47
Ein generelles Problem...

...die Journaille präsentiert sich als neutraler Richter und objektiver Berichterstatter... und hängt zumeist geldquellenmäßig am politischen Tropf... deshalb: das Übel fängt bei der Medienlandschaft Österreichs an! - Deshalb: Für eine wirklich unabhängige Berichterstattung!

sleepyc
07.06.2010 11:30
"...bis ihnen das Wasser zum Hals steht. ..."

Herr Sperl!
"ihnen" wird das wasser nie bis zum hals stehen, die werden einfach den rüssel in einen anderen trog hängen.
uns steht das wasser ohnehin schon bis zum hals (es nur noch warm genug, sodass die meisten österreicherInnen glauben, es wäre ein thermenbesuch).
ansonsten haben sie ein offenes geheimnis hier sehr treffend zusammengefasst.

peace & love
07.06.2010 10:57
Wenn genug Geld da ist, fällt's nicht so auf



einer der gründe für die hohe verschuldung.

Alter Knochen
07.06.2010 09:52
Die Strukturen der Republik werden bleiben wie sie sind. Und die Politiker auch.

Sehr richtig, nur was kann das Wahlvolk dagegen tun? Nichts! Wir können wählen gehen, bestimmen können wir aber nicht.

Post-vom-Poster
 
21.06.2010 09:09
Wie wär's mit ...

... einmal 2, 3 Mal "intelligent" wählen, der Uraltkotzbrei ÖVPspöFPÖbzö hat seine Chance gehabt und gründlich vergeigt.
Das LIF mit Heide Schmid war wohl für die meisten zu intelligent ?
Bleiben noch die GRÜNEN.
Wer anderer Seriöser ist dzt nicht in Sicht.
So What??
Jugend, Steh' auf und sei endlich einmal wieder ZORNIG - oder wollt Ihr das alles weiterhin finanzieren???

Toxo Logic
 
07.06.2010 10:52

Die Strukturen der Republik werden bleiben, wenn es nicht mehr weiter nach unten geht. Wenn die Zahl der Verlierer in der Bevölkerung aber immer höher wird, dann sind die Massen auf den Strassen und forden Opfer. Das Aussitzen der Wirtschaftskrise und hoffen, dass es nicht noch schlimmer kommt, ist derzeit die einzige Möglichkeit für Politiker. Ein rebellierender Mob könnte ihnen im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf kosten.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
07.06.2010 08:36
Verwaltungsgebühren

sind übrigens Trickbetrug, weil wir eh schon steueraktiv für Verwaltungen bluten, diese aber die Schwerathletik, ein Papier zu stempeln, extra bezahlt haben wollen.

Das ist so, als wolle der Fleischhauer für's Einpacken der Extrawurst und das Anzwicken des Kassazettels einen Hunderter Aufschlag.

Alpenguru
07.06.2010 08:34
Dann sollte sich mal die Journaillie ...

... auch am Riemen reissen. Und zwar gewaltig.
Solange jeder Sachkompromiss als Niederlage, Umfaller, Desaster der einen oder anderen politischen Seite dargestellt wird, jede Pipipfatzwahlumfrage als Weltuntergang zelebriert wird, bloß um das Blättchen mit mehr oder weniger sinnvollen Buchstaben zu füllen, solange wird es auch keine andere Politkultur geben, geben können.

Tja, Herr Sperl: Fangen sie mit den neuen Zeiten gleich einmal bei sich selbst und ihren Kommentaren an!

Christiane Amanpour
 
08.06.2010 10:53
Die Aufgabe heißt also: Bundesweites Baurecht UND Überleben der Bauwirtschaft

Welche Vorschläge haben Sie dazu, Herr Dr. Sperl? Eine demokratische Qualitätspresse zeigt auch Alternativen auf. Bitte finden Sie eine/n Experte/in, der/ie sich sowohl rechtlich wie auch wirtschaftlich im öst. Bauwesen auskennt & veröffentlichen Sie dessen/deren Kommentar.

Wieso werden konkrete Problemlösungen in den öst. Medien kaum mehr erwähnt? Die Leser würden Ihnen das Blatt aus den Händen reißen. Ihre intellektuell fast tötliche Umklammerung durch die Banken könnte sich lockern, die veröffentlichten Meinungen würden bunter werden, es gibt mehr demokratische Diskussion. Also, was hindert Sie an mehr Recherche? Schließlich schießen wir Steuerzahler pro Jahr 1,41 Mill. € Presseförderung zu, damit Sie genau das machen.

Just N. Opinion
 
07.06.2010 11:54
ungerecht, alpenguru.

denn DIESER kommentar hat geschrieben werden MUESSEN. in aller klarheit.
bis zum letzten absatz, der praezis voraussagt, was kommen wird.

goodfather
07.06.2010 07:25


das unglück ist dieses geldsystem und politiker die ihre pfründe absichern, egal ob parteipolitisch (alle bekannten parteien) oder unparteiische (liste martin und konsorten).

Entropix
06.06.2010 22:57
Parteipolitische Bretter

vorm Kopf gehören zur Grundausstattung (zu vieler) Wähler. Ein Blick in die postings hier genügt, um das zu belegen ;-)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.