Lebendiger Mythos der Freiheit

6. Juni 2010, 18:18
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Ermordeter Priester Popieluszko seliggesprochen

Als weißgekleidete Priester den Reliquienschrein mit den Knochensplittern ihres Sohnes den Altar hinauftragen, lächelt Marianna Popieluszko. Ein leichter Tränenschleier legt sich auf ihr Gesicht. 1984 wurde Jerzy Popieluszko vom KP-Geheimdienst Polens zu Tode gefoltert, in einen Sack gestopft und in der Weichsel versenkt. Der brutale Mord an dem Solidarnosć-Priester, der den Arbeitern immer wieder Mut zugesprochen hatte, schockierte ganz Polen. 26 Jahre später wird der Priester der Freiheit vom Vatikan seliggesprochen.

Marianna Popieluszko faltet die Hände. "Halleluja" singen über 150.000 Gläubige, die aus ganz Polen zur Freiluftmesse am Sonntag nach Warschau gekommen sind. Erzbischof Angelo Amato verliest zunächst in lateinischer Sprache die päpstliche Urkunde. Popieluszko sei ein "Märtyrer, der mit dem Guten das Böse" besiegt habe, so der Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse.

Die drei Mörder, die ihre Haftstrafe verbüßt haben, sind seit Jahren wieder auf freiem Fuß. "Ich habe ihnen vergeben", sagte Popieluszkos Mutter schon vor dem Seligsprechungs-Gottesdienst für ihren Sohn.

Die Hintermänner des Verbrechens wurden nie gefasst. Ob der Mord "ganz oben" in Auftrag gegeben wurde, weil der Priester dem damaligen Regime zu unbequem wurde? Die Spekulationen sind auch deshalb nie verstummt, weil die Akten der kirchlichen Zuträger des polnischen Geheimdienstes angeblich vernichtet wurden, immer wieder aber vereinzelt Dokumente auftauchen. Denn die katholische Kirche stand 1984 nicht geschlossen hinter dem Solidarnosć-Priester.

Aber Popieluszkos Mythos hat das Regime überlebt. "Ich bin glücklich", sagt seine Mutter nach der Messe.  (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2010)

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    Vom Geheimdienst zu Tode gefoltert: Jerzy Popieluszko.

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