US-Ökonom Bergsten

"Die Euro-Abwertung ist für die USA ein Problem"

6. Juni 2010, 18:17
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    US-Ökonom Fred Bergsten: "Deutschland und Österreich müssen höhere Lohnabschlüsse zulassen."

C. Fred Bergsten, führender US-Experte für internationale Wirtschaftspolitik, fürchtet, dass der schwache Euro die globalen Ungleichgewichte weiter verschärft

C. Fred Bergsten, führender US-Experte für internationale Wirtschaftspolitik, fürchtet, dass der schwache Euro die globalen Ungleichgewichte weiter verschärft. Eric Frey sprach in Washington mit ihm.

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STANDARD: Viele amerikanische Ökonomen und Analysten halten die Zukunft des Euro für gefährdet. Teilen Sie diese Sorge?

Bergsten: Ich bin einer der wenigen prominenten amerikanischen Stimmen, die den Euro von Anfang an unterstützt haben. Aber ich bin auch davon ausgegangen, dass auf den Euro weitere Integrationsschritte folgen werden. Das ist leider ausgeblieben. Europa hat eine Währungsunion, aber keine Wirtschaftsunion geschaffen. Das war eine halbe Sache, deren Schwäche durch die Krise offensichtlich geworden ist. Nun aber ist eine weitere Integration unabdingbar geworden.

STANDARD: War das Euro-Rettungspaket im Mai der richtige Schritt?

Bergsten: Vom Ergebnis her ja, aber die Art, wie die Entscheidung zustande kam, hat nicht viel Vertrauen geschaffen. Die Schlüsselfrage ist, ob Europa aus der Krise lernt oder aber der Konsens für eine gemeinsame Politik verlorengeht. Ich persönlich bin zuversichtlich, aber die Märkte haben jeden Grund, unsicher und nervös zu sein.

STANDARD: Wie viel Souveränität müssen die Euroländer denn noch aufgeben?

Bergsten: Auf die eigene Geld- und Zinspolitik haben sie schon verzichtet, und nun erwarte ich mir Ähnliches in der Fiskalpolitik. Das muss nicht die EU-Kommission koordinieren, sondern vielleicht neue Institutionen. Aber Bereiche wie Arbeitsmarktpolitik würden bei den Staaten bleiben.

STANDARD: In Europa werden vielerorts die Finanzmärkte für die Krise verantwortlich gemacht. Ist das berechtigt?

Bergsten: Spekulanten verschärfen eine Krise, aber sie verursachen sie nicht. Im Gegenteil: Spekulation ist nützlich, weil sie auf die Probleme aufmerksam macht und Korrekturen erzwingt, die sonst nicht geschehen würden.

STANDARD: Sie sind stets dafür eingetreten, dass der Euro gleichwertig mit dem Dollar als internationale Reservewährung dienen soll. Ist das noch realistisch?

Bergsten: Das wird sich vielleicht verzögern. Aber wenn die Europäer jetzt die Integration festigen, dann wird der Euro in drei oder fünf Jahren viel stärker sein. Und wenn die USAihre eigenen Probleme nicht in den Griff bekommen, dann könnte sich das Blatt schnell wieder wenden.

STANDARD: Wollen die USA überhaupt einen starken Euro?

Bergsten: Von seinem fundamentalen Wert her war ein Eurokurs von etwa 1,50 Dollar angemessen. Die jetzige Euro-Abwertung ist für die USA ein Problem, denn sie führt dazu, dass die Exporte vor allem aus Deutschland weiter steigen und die Eurozone wieder große Leistungsbilanzüberschüsse anhäuft. Dann wächst das US-Defizit und damit unsere Verwundbarkeit. Das könnte in Washington eine protektionistische Reaktion hervorrufen und die transatlantischen Beziehungen schwer belasten.

STANDARD: Wie lässt sich das am besten verhindern?

Bergsten: Überschussstaaten wie Deutschland, die Niederlande und auch Österreich müssten ihre Binnennachfrage stärken. Sie müssten höhere Lohnabschlüsse zulassen. Wenn sie das nicht tun, dann hat der Rest der Welt Probleme.

STANDARD: Aber dann klagen vor allem die Klein- und Mittelbetriebe, dass sie an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Bergsten: Die KMUs werden dann keinen Schaden erleiden, wenn eine stärkere Binnennachfrage den Rückgang der Exporte auffängt. Aber die wirtschaftlichen Strukturen müssen sich ändern, und das ist vor allem in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren kaum geschehen. Die Deutschen halten an traditioneller Industrie fest und vernachlässigen die Dienstleistungen. Das trägt zu den massiven Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft bei. Das Gleiche gilt übrigens für China.

STANDARD: Also müssen die Chinesen ihre Politik ändern?

Bergsten: Ja, aber auch die USA. Solange wir als "Consumers of last resort" alle Exporte aufnehmen, werden die anderen dies nützen. Erst wenn wir unsere Politik glaubhaft ändern, werden es auch die anderen tun. Vor allem müssen wir die Überbewertung des Dollar beenden. Obama will in fünf Jahren die US-Exporte verdoppeln, aber mit einem starken Dollar kann das nicht gelingen.

STANDARD: Das betrifft doch vor allem die chinesische Währung.

Bergsten: Ja, denn an den Yuan sind weitere asiatische Währungen gekoppelt. Die künstliche Unterbewertung einer Währung ist eine protektionistische Maßnahme. Wäre der Yuan um 20 Prozent fester, dann hätten wir bis zu 150 Milliarden Dollar weniger Leistungsbilanzdefizit im Jahr. Wenn sie bis zum G-20-Gipfel in Toronto Ende Juni nicht handeln, dann müssen wir Härte zeigen und Strafzölle auf ihre Waren einführen. Ich hoffe, das wird nicht notwendig sein, aber wenn China so weitermacht, dann steigen seine Währungsreserven auf drei Billionen Dollar, und das gefährdet die gesamte Weltwirtschaft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.6.2010)

Zur Person

Fred Bergsten (68) ist Gründer und Direktor des Peterson Institute for International Economics (IIE) in Washington, D.C. und ist vor allem für seine Artikel zur globalen Währungspolitik bekannt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 209
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discodancer77
00
USA eher ein Gewinner der Euroabwertung

70% vom US BIP ist der Inlandskonsum ..
Die USA Konsumiert und die Welt Produziert ..
Ben Beranake braucht nur die Dollardruckmaschine laufen lassen .. was für ein Paradies ...

misanthropie
00
"Die Euro-Abwertung ist für die USA ein Problem"

kann man nur hoffen, dass der staat der economic-hitmen, also der "ich terrorisier die ganze welt mit meiner weltbank", auch mal was zum kauen bekommt..

Mathias
 
01
So ein schlimmer Finger!

"Die Deutschen halten an traditioneller Industrie fest und vernachlässigen die Dienstleistungen. Das trägt zu den massiven Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft bei."

Es wurden doch schon etliche "Dienstleistungen" nach China oder Indien "outgesourced". Klar dass in Deutschland selber nur noch wenig vorhanden ist!


"Deutschland und Österreich müssen höhere Lohnabschlüsse zulassen."

DAS sagt jemand, der aus einem Land kommt, wo die Arbeiterlöhne seit 15 Jahren kontinuierlich nach unten gedrückt wurden.

DER will doch nur die starken Wirtschaftsnationen Deutschland und Österreich nach unten "dirigieren", damit die USA wieder "hochkommen" können ...

Silvio Lackner
01
sind ja alles nur Krokodilstränen

über den Kursverfall zu den anderen Währungen wird trotz Sparpaketen das nötige Wirtschaftswachstum erzielt

alles gesteuert, alles Theater


Lord Chaos
21
Überschussstaaten wie Deutschland, die Niederlande und auch Österreich müssten ihre Binnennachfrage stärken.


Und wieso sollten sie das tun? Da werden eher USA und zahlreiche Weitere ihre Binnennachfrage senken müssen. Über Inflation oder Lohnsenkungen.

Alkolix
00
an unsere grenze ist doch erst vor kurzem

ein vielvölkerstaat zerbrochen

geld ist nicht alles - halt es für besser erstmal mit vielen autonomen staaten weiterzuwursteln, als sich gemeinsam einer eu wirtschaftsregierung zu unterwerfen

man muss ja nicht alles überstürzen

Woodpecker
10
"Neue Institutionen" für fiskalische Integration???

Wollen wir wirklich ein Euro-Finanzamt in Brüssel oder sonstwo???
Aber zum Trost bleibt die Hoheit über das Arbeitsmarktbudget (wovon soll das dann bitte bezahlt werden?) noch bei den EU-Ländern.
Hallelujah ...

Rauscher, der Hundefreund
02
Tja, vielleicht sollten die Ratingagenturen

....eine vor den Latz kriegen, weil sie doch immer die europäische Länder abwerten, aber die USA hat noch immer Triple A. Mit einem bankrotten Kalifornien und anderen Bundesstaaten.

Lord Chaos
02


Aber ganz und gar nicht! Wir sollten den Ratingagenturen einen orden verleihen!

1. Sie erzwingen längst überfällige Reformen und Korrekturen im Euro Raum. Die USA steuern weiterhin sorgenfrei auf den Abgrund zu....
2. Der niedrige Euro hilft der exportindustrie gewaltig und sichert damit Arbeitsplätze in Europa.
3. Europäische Produkte werden auch im Binnenmarkt gegen Importprodukte billiger. Weitere Arbeitsplatzsicherung.
4. Durch geringere Importe fliesst weniger Geld aus Europa ab. Die Handelsbilanz verbessert sich.
5. Es wird weniger Sprit verbraucht, Investitionen in alternative Energien werden rentabler.

Bitter wird es erst wenn die USA dann wirklich vor einem ernsten Problem stehen bzw der Dollar ins nichts fällt.

misanthropie
00
Die USA steuern weiterhin sorgenfrei auf den Abgrund zu....

never!
kurz vorm abgrund gibz ne neue krise, die alle steuerzahler bezahlen müssen,
oder nen neuen schurkenstaat, bei dem es dann ein wirtschaftswunder gibt..

die usa stürzt niemals ab, dafür haben sie zuviel gewicht in der welt, zuviele finger schon überall drin ..
die rettungsanker für das versagen der usa wird JEDER ANDERE sein !

MrGreen
00

ja ganz toll. Die vielen älteren Arbeitnehmer die durch die von den Ratingagenturen erzeugte Krise ihren Job verloren haben und jetzt keine Chance auf Wiedereinstieg mehr haben sind Ihnen besonders dankbar.

worry1
14
Dann sollen sie ihre verbrecherischen Zocker und

Ratindeppen aufhängen statt zu heulen.

das ist fix
05


Zuerst trommelt die US-Ratingindustrie gegen den Euro - und dann soll der Euro-Kurs ein Problem für die USA sein...

Aux Armes Citoyens!
06
typischer amerikaner:

die europäer müssen dies tun und das tun. und wozu? um nicht durch exporte stärker zu werden als die usa.
ein niedriger euro kurbelt die exportwirtschaft an. aber halt nur die europäische. und schwächt den dollar. jahrelang war der euro zu stark und hat die amerikanischen exportfirmen gestärkt. jetzt sollte mal drei jahre lang der euro weit unterm dollar stehen - das würde den amis weh tun...

Konversationslexikon
00

"Stärkung der europäischen Binnenmärkte": Da muss ich dem Herrn Bergsten allerdings absolut zustimmen!

zittersepp
212
Der falsche Schluss


"Europa hat eine Währungsunion, aber keine Wirtschaftsunion geschaffen. Das war eine halbe Sache, deren Schwäche durch die Krise offensichtlich geworden ist. Nun aber ist eine weitere Integration unabdingbar geworden."

Nein zu einer "unabdingberen weiteren Integration". Das Beenden der Währungsunion ist die bessere Alternative.

gogosch der Grosse
71
Weg mit dem TEURO!

Raus aus der EU und zurück zum Schilling!

birka
00

Eine Umstellung auf den Schilling würde sicher dazu führen dass die Semmerl wieder einen halben Schilling kosten und ein neuer Passat ÖS 100.000.

Aux Armes Citoyens!
10
sie sind hier im standard

und nicht in der kronenzeitung...

greenberetta
61

Kann mich dem nur anschließen.
Nein zur europaweiten Wirtschaftsdiktatur.

mondseer
07

nomen est omen?

headbang0r
00

ich kapiere das nicht mit diesen unfassbar riesiegen "währungsreserven" in china! das kann doch nicht heißen, dass china unfassbar reich ist? aber was heißt es dann? kann mir das jmd erklären?!

anders and
 
00
wenn die chinesische Regierung ihre Währungsreserven auf die Bevölkerung aufteilt

und jedem Chinesen 2.000 Euro gibt - sind die Chinesen dann wirklich unfassbar reich?

sebaestschn ...
00
China kann die Welt manipulieren heißt es...

Das tut natürlich den Amis weh, weil hier eine externe Macht auf ein Mal ihre Innenpolitik beeinflussen kann - übrigens das gleiche gilt für Europa.
Da der USD auch eine Handelswährung ist, können die Chinesen einkaufen gehen und somit den Dollarstrom aufheizen, was zur Inflation und Abwertung führt (USA exportieren bekanntlicht ihre Inflation und nur weil die Welt nix mit dem Geld macht, passiert halt wenig).
Desweiteren haben die Amis verhältnismäßig wenig was sie der Welt bieten könnten (da sind EU, China und Japan sicherlich besser dran - was heißen soll, dass auch eine Abwertung des USD riskant ist - wenn nun auf EUR als weltwährung umgesattelt wird, haben die USA ein problem, denn wenn sie in EUR abrechnen, wirds auch für sie teuer

peak oil
00
china ist momentan reich an dollars,

d.h. um china ärmer zu machen, muss auch der dollar abgewertet werden, zumindest zum yuan.

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