Harnoncourt mit Mozart

6. Juni 2010, 18:05
2 Postings

Detailreicher Traum eines Helden

Wien - Als er das Stück in Salzburg dirigierte, sei ein Kritiker eingenickt und habe die Aufführung durch sein Schnarchen gestört. Das erzählte ein gewohnt launiger Nikolaus Harnoncourt im Musikverein, bevor er das Publikum aufforderte, während Wolfgang Amadeus Mozarts Il sogno di Scipione zu lachen, wenn es das Bedürfnis danach verspüre. Und der Dirigent schien es durchaus zu billigen, dass dann nach fast jeder Arie Applaus aufbrandete.

Alle Begeisterung für den jungen Mozart in Ehren; doch nicht alles, was ein Genie hervorbringt, muss gleich genial sein. Unüberhörbar sind zwar die Kunstfertigkeiten, die er von seiner ersten Italienreise mitbrachte, aber auch die Floskeln, die er gleichermaßen im Gepäck hatte. Manche Langatmigkeit wird denn auch durch die wahrlich halsbrecherischen, nicht immer sängerfreundlichen Koloraturen kaum wettgemacht.

Die allegorische Geschichte ist ebenfalls kein Reißer:Fortuna (Bernarda Bobro) und Costanza (Anja-Nina Bahrmann), die Göttinnen des Glücks und der Beständigkeit, rittern um die Gunst des Scipione (Michael Schade), der sich nach Zwiesprachen mit Publio (Jeremy Ovenden) und Emilio (Rainer Trost) für die Beständigkeit entscheidet. Dies alles erlebt er nur im Traum; er erwacht, als am Ende eindrücklich in Musik gesetzte Gewitterstürme über den Helden niedergehen. Dass diese Stelle für Harnoncourt einen Höhepunkt der "azione teatrale" bildet, machte er mit seinem gewohnt detailreich, liebevoll und pointiert spielenden Concentus Musicus Wien vollkommen klar.

Dass dann Licenza (Christina Landshamer) just den der Familie Mozart verhassten Colloredo als Widmungsträger anhimmelt, ist immerhin historisch interessant. Ansonsten wirft das Stück nicht mehr als ein Schlaglicht auf die kompositorische Entwicklung des Fünfzehnjährigen. (daen/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 6. 2010)

Share if you care.