Schönreden und Selbstmitleid

6. Juni 2010, 18:00
160 Postings

Den Grünen fehlen nicht die Themen, sondern Persönlichkeiten mit Emotionen

Die Grünen zogen alle Register der Empörung. Über den "kompletten ökologischen Wahnsinn" echauffierte sich die Umweltsprecherin und beschrieb den "Giftcocktail", der das Meer bedrohe, in den grellsten Farben. Die Autofahrer sollten sich gut überlegen, "welche Zapfsäule sie ansteuern", empfahl die Partei und rief kurzerhand zum Boykott des schuldigen Konzerns auf.

Das war 1995, als Shell die Ölplattform Brent Spar in der Nordsee entsorgen wollte. Heute richtet BP im Golf von Mexiko eine viel größere Sauerei an, doch über einen Boykott diskutieren die österreichischen Grünen, vermutlich mit gerunzelter Stirn über einem Packen Meinungsumfragen brütend, nur im stillen Kämmerchen. Ein paar dürre Sätze über den notwendigen Ölausstieg - das war's, was ihnen zum Jahrhundertskandal einfiel.

Die verschlafene Reaktion ist typisch für den Umgang der Grünen mit Katastrophen - auch mit den eigenen. Auf ihre Pleiteserie bei Wahlen reagieren sie stur wie eine Altpartei: Mit Schönreden und Selbstmitleid.

Man kann ja ein Stück weit verstehen, dass sich die Partei vom verführbaren Volk, das ruchlosen Rattenfängern nachläuft, ungerecht behandelt fühlt. Tatsächlich heben sich die Grünen in manchem wohltuend von der Konkurrenz ab. Im Gegensatz zur Radauopposition versprechen sie nicht nur Milch und Honig, sondern haben differenzierte Konzepte in der Schublade. Als einzige Partei erlagen sie nie der Versuchung, Ausländer zu Sündenböcken zu stempeln. Und sie behielten recht, als sie früh vor der Klimaerwärmung und den Verheerungen des Turbokapitalismus warnten.

Nur leider gewinnt man mit dem Glauben, das Gute werde sich irgendwann von allein durchsetzen, keine Wahlen. Drollig klangen die Klagen von Parteichefin Eva Glawischnig nach der Niederlage im Burgenland, die grünen Leibthemen seien im Schwall des Populismus untergegangen. Darauf, dass die Rivalen mit ihr gesittet das grüne Ökosteuermodell diskutieren, wird sie auch in Wien und der Steiermark lange warten können. Eher heuert Heinz-Christian Strache bei der Caritas an.

Nicht die Themen fehlen, sondern unverwechselbare Figuren, die diese mit Emotionen aufladen, statt bieder Konzepte herunterzubeten. Hinter Glawischnig rührt der ewige Peter Pilz als Aufdecker für eh alles um - kein abendfüllendes Programm. Gerade die Krise böte einer Partei, die es immer schon besser gewusst hat, Chancen. Doch Alexander Van der Bellen, wirtschaftspolitischer Kapazunder mit Strahlkraft über die Milieugrenze hinaus, lässt sich erfolgreich verstecken.

Das gelingt auch anderen grünen Politikern vortrefflich. Vorbei sind die Zeiten, als schrille Originale wie Terezija Stoisits die bedingungslose Haltung der Weltverbessererbewegung in Fahnenfragen wie der Ausländerpolitik verkörperten. Völlig brach liegt die grüne Urkompetenz. Wie heißt schnell noch die aktuelle Umweltsprecherin?

Glawischnig hat recht, wenn sie bei der Nachwuchsarbeit ansetzen will, wiewohl die Einsicht spät kommt. Grüne Kritiker monierten schon vor Jahren, dass neue Hoffnungsträger gegen die eingesessenen Funktionärsseilschaften kaum Chancen hätten - und wurden routiniert abgeschasselt. Zarte Versuche der Öffnung gibt es mittlerweile, ihr Gelingen ist eine Überlebensfrage. Sonst enden die Grünen als Partei, die zwar von der Gesellschaft kleinere Revolutionen fordert, an der eigenen Reform aber scheitert. (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 7.6.2010)

Share if you care.