Gaucks Kandidatur spaltet Schwarz-Gelb

6. Juni 2010, 17:59
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Nominierung des rot-grünen Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl löst Unruhe in der Koalition aus

Viele in der FDP liebäugeln offen mit dem DDR-Bürgerrechtler.

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Es sind Titelseiten, die man sich als deutsche Kanzlerin jetzt gerade nicht wünscht. "Yes, we Gauck" jubelt Bild am Sonntag (BamS) auf der ersten Seite. Auch auf dem Spiegel-Titel blickt der rot-grüne Kandidat Joachim Gauck Angela Merkel und Millionen anderen Deutschen entgegen. "Der bessere Präsident" konstatiert das Hamburger Magazin in schlichter Absolutheit.

Der Tenor fast aller deutschen Medien geht in die gleiche Richtung: Gauck ist top, der von der schwarz-gelben Koalition nominierte niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), nun ja, nicht gerade flop, aber bieder, langweilig und überhaupt kein Mann mit Signalwirkung.

Noch beunruhigender für Merkel jedoch dürften die ersten Absetzbewegungen in den eigenen Reihen sein. Vor allem in der Ost-FDP regt sich Widerstand gegen den Kandidaten Wulff. "Ich persönlich habe große Sympathien für Joachim Gauck" , sagt der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow. Skepsis gegenüber Wulff signalisiert auch Veit Wolpert, Fraktionschef der FDP im Landtag von Sachsen-Anhalt: "Wir werden in der Fraktion darüber zu sprechen haben, ob wir trotz Bedenken mit Herrn Wulff leben können" , sagt er und spricht von einer "massiven Verärgerung" , dass FDP-Chef Guido Westerwelle die Landesverbände in die Personalentscheidung nicht eingebunden habe. Und die Grande Dame der deutschen Liberalen, Hildegard-Hamm-Brücher (89), die selbst 1994 bei der Bundespräsidenten-wahl antrat, sagt im Spiegel ganz offen: "Wenn ich Wahlfrau wäre, würde ich auf jeden Fall für Herrn Gauck stimmen."

Wulff nicht siegesgewiss

Auch in der CDU gibt es erste Pro-Gauck-Äußerungen. "Ich frage mich, warum es nicht möglich war, sich im bürgerlichen Lager mit der SPD auf Gauck zu einigen" , kritisiert Brandenburgs Ex-Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), der als Wahlmann am 30. Juni in der Bundesversammlung vertreten sein wird. Der Spiegel zitiert eine SMS, in der SPD-Chef Sigmar Gabriel dies Merkel angeboten hat. Außer Dank und Grüßen kam jedoch nichts zurück.

Angesichts des Unmuts in den eigenen Reihen geht Wulff selbst nicht von einem sicheren Sieg aus: "Es kommt auf die Geschlossenheit von CDU, CSU und FDP an. Sicher bin ich mir erst, wenn die Mehrheit verkündet wird." In der Bundesversammlung (1244 Mitglieder) haben CDU, CSU und FDP eine Mehrheit von 20 Stimmen. Die Wahl ist geheim. Unberechenbar ist jedoch nicht nur die murrende FDP. Die 125 Wahlleute der Linkspartei können mit Gauck, der zehn Jahre lang als Bundesbeauftragter für die Aufarbeitung der Stasi-Spitzelei sorgte, zwar wenig anfangen. Andererseits wünschen sich viele auch einen Ostdeutschen an der Spitze des Staates. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2010)

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    20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer spazierten Gauck und Merkel über die Bornholmer Brücke, ein Symbol der Teilung in Berlin. Damals ahnte keiner, wo man sich wiedertreffen würde.

  • Deutsche Medien haben Sympathie für Gauck.
    foto: standard/baumann

    Deutsche Medien haben Sympathie für Gauck.

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