Welcome, Ke nako, die Zeit ist reif

6. Juni 2010, 17:55
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Südafrika ist bereit, die Autos sind beflaggt, die Häuser verbarrika­diert. Schwarze und Weiße glauben an die Macht des Fußballs

Den Taxifahrer, der einen von irgendeinem Flughafen in irgendein Hotel chauffiert, schenkt man sich. So gnadenlos ist Johannesburg auch wieder nicht. Natürlich hätte er einiges zu erzählen gehabt, Taxler plaudern überall und ungefragt, das ist eine unheilbare Berufskrankheit beziehungsweise die Schattenseite der Globalisierung. Joseph indes ist ein waschechter Fremdenführer. Ein Freund eines Freunds hat einen Neffen, dessen Onkel ihn via Tante vermittelt hat. Joseph hält in der Ankunftshalle einen Zettel hoch, darauf ist ein Name gekritzelt. Ein paar Buchstaben sind vertauscht, dank der angeborenen Kombinationsgabe identifiziert man ihn als den eigenen.

Joseph hat sich viel zu warm angezogen. Den Irrtum wird er im Laufe des Tages korrigieren, indem er den Pullover einfach auszieht. So funktioniert das hier. Der Winter in Südafrika ist momentan recht mild. "Aber am Abend kann es ordentlich kalt werden. Welcome, wir sind stolz auf die WM" , sagt er. "Alles ist fertig, alle freuen sich." Die Schwarzen, die Weißen, die Armen, die Reichen.

Joseph ist schwarz, 33 Jahre alt und nicht wirklich reich. Die Hütte im Township hat er vor ein paar Jahren hinter sich gelassen. "Es passt, ich habe einen Job, ich habe Strom, das ist gut für meinen kleinen Sohn." Weiße würden nie und nimmer wildfremde Menschen durch die Gegend kutschieren.

Einmal hat Joseph einen (weißen) Amerikaner abgeholt, der war erstaunt, in Johannesburg entlang der verstopften Straßen die Big Five nicht zu sehen. Kein Löwe, kein Elefant, kein Büffel, kein Leopard, kein Nashorn. Arme Sau. Nur Toyota, Honda, Ford, Volkswagen, Peugeot. "Die Leute haben ein seltsames Bild von Afrika. Aus Australien kommen Sie?" Nein, aus Europa, aus Österreich, aus Wien. Joseph gefällt der in der Tat gelungene Scherz, dass sich die ÖFB-Auswahl nur dann qualifiziert hätte, wäre Joseph Blatter (zufällige Vornamensgleichheit) bereit gewesen, das Feld von 32 auf 120 Teams aufzustocken. "So schlecht ist Österreich?" Nein, aber fast.

Fifa-Präsident Blatter ist ein kleiner Held in Südafrika, nicht einmal in der Schweiz ist er derart beliebt. "Er hat uns die WM gegeben. Ke nako. Die Zeit war reif." Zur Beruhigung: An Nelson Mandela kommt Blatter nie und nimmer heran.

Die Statue ist aus Bronze, sie misst gut sechs Meter, steht auf dem Nelson Mandela Square im Stadtteil Sandton. A Celebration of Hope. Ein Zelt des Sponsors Sony hat die Sicht auf Mandela genommen. Dafür kann man die WM in 3-D verfolgen. Am 11. Juli, nach dem Finale, sind Sony und 3-D wieder weg. Blatter geht davon aus, dass der gesundheitlich angeschlagene Mandela am 11. Juni zur Eröffnung in die Soccer City kommt und sich die Partie zwischen Südafrika und Mexiko anschaut. "Er will unbedingt, er hat es versprochen." Blatter erscheint ganz sicher. Versprochen.

Johannesburg, die Einheimischen nennen es Joburg, ist ein Moloch. Der hier ansässige Schriftsteller Ivan Vladislavić beschreibt es so: "Eine verbarrikadierte und vergitterte Stadt. Überall Wachleute. Ein Ort, an dem Grenzen beständig infrage gestellt werden. Territorien müssen verteidigt werden, sonst gehen sie verloren. Mauern ersetzten Zäune, hohe Mauern treten an die Stellen von niedrigen, selbst die höchsten Mauern krönen sich mit Elektrodraht und Stacheln."

Der kleinste Nenner

Joburg hat grob geschätzt 13 Millionen Einwohner. Elf verschiedene Sprachen werden hier gesprochen, Englisch ist kleinster gemeinsamer Nenner. In den Townships liegt die Arbeitslosenquote bei 60 Prozent. Vielleicht sind es achtzig. Die WM könnte einen wesentlichen Beitrag zur Vereinigung liefern. Glaubt Joseph, der Fremdenführer. Vermutlich denkt auch Joseph, der Blatter, so. "Ich kann Sie nach Soweto begleiten, das ist für Weiße nicht mehr gefährlich. Dort bekommen Sie ein Gefühl für Afrika" , sagt der Fremdenführer.

Thomas ist Wachmann. Er steht vor dem Hotel, der Road Lodge Rivonia. Es zählt zur dritten Kategorie, die Mauern sind hoch, bis zum Elektrodraht fehlt ein Stück. Thomas ist schwarz (Weiße würden nie auf Weiße aufpassen), seine Schultern sind schmal geraten, die Uniform passt einem Kollegen. Er erweckt den Eindruck, selbst Schutz zu benötigen. Dank der WM bekam Thomas einen Job in der boomenden Sicherheitsbranche. "Ich würde im Dunkeln nicht auf die Straße gehen, lassen Sie sich die Pizza aufs Zimmer bringen. Schmeckt auch."

Die meisten Autos sind bereits beflaggt. Es sind kleine südafrikanische Fähnchen (Made in China), mit Saugnäpfen werden sie an die Scheiben gepickt. Kinder bieten sie an Kreuzungen feil, sie klopfen ans Fenster, verlangen 20 Rand (rund zwei Euro) pro Stück. Joseph pfaucht einen Buben an, er sei ein Betrüger, das Ding sei fünf Rand wert. Er solle ja nicht glauben, einen weißen Journalisten, der als Freund gekommen ist, ausnehmen zu können. Die Situation ist unangenehm, der Freund gibt zehn Rand, der Bub dankt. Joseph sagt: "Sie müssen aufpassen. Ich kann Ihnen eine Vuvuzela zu einem fairen Preis besorgen."

Und noch ein Schub

Vuvuzelas sind jene Tröten, mit denen sich die fremden Ohren in den WM-Stadien erst arrangieren werden müssen. Die südafrikanische Nationalelf wird Bafana Bafana genannt, das heißt die Jungen, die Jungen. Den letzten Test hat Bafana Bafana gegen Dänemark 1:0 gewonnen. Als ob es noch eines zusätzlichen Schubs bedurft hätte, hat die WM einen weiteren bekommen. Das muss sie aushalten. Ke nako. Die Zeit ist reif. Die Ernte naht. (Christian Hackl aus Johannesburg, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 7. Juni)

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    WM-Gastgeber Südafrika tankte durch ein 1:0 im Test gegen Dänemark viel Selbstvertrauen, die Fans stimmten sich mit ihren Vuvuzelas ein. Am Freitag steigt die WM-Eröffnung gegen Mexiko.

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