"Das ist mir jetzt passiert"

6. Juni 2010, 14:52
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Nach 732 Profimatches gewann Francesca Schiavone ihr erstes großes Turnier und ist nun Italiens neue Nationalheldin. Da müsse nun wohl ein neues Haus her, meinte die 29-Jährige

Paris - Plötzlich war Italiens neue Nationalheldin in einem Menschenknäuel auf der Tribüne verschwunden. Jede Menge begeisterter Freunde und Familienmitglieder zerrten an Francesca Schiavone nach ihrem French-Open-Triumph in Paris gegen Samantha Stosur. Als sie wieder heil über die Balustrade zurück auf den "Court Central" geklettert war, bekam die erste italienische Siegerin eines Grand-Slam-Tennis-Turniers ein Handy gereicht: Staatspräsident Giorgio Napolitano persönlich wollte der neuen Tennis-Königin von Paris gratulieren.

"Das hier zeigt, dass jeder die Chance hat, das zu werden, was er werden möchte und wirklich alles schaffen kann im Leben. Das ist mir jetzt passiert", sagte Schiavone, die am 23. Juni immerhin schon 30 wird. In ihrer langen Karriere hatte sie schon 38 Grand-Slam-Turniere gespielt, und immer war vor Paris 2010 spätestens im Viertelfinale Endstation gewesen. Bei der 39. Grand-Slam-Teilnahme und nach 732 Profimatches wurde der große Durchbruch nun doch geschafft.

Schon immer hatte Schiavone ein großen Kämpferherz. Warum sie nun auf einmal das Turnier ihres Lebens spielte, weiß sie selber nicht. Ihr Meisterstück lieferte sie am Samstag mit dem 6:4,7:6(2)-Finaltriumph gegen die Australierin Stosur ab. Schiavone rannte und rackerte, begeisterte mit klugem und variablem Spiel und zig Netzattacken. Das Tennis der Mailänderin - mit einhändiger Rückhand und viel Spielwitz - ist unkonventionell. Auch abseits des Tennisplatzes ist Schiavone ein unkomplizierter Typ.

 Die Herzen der französischen Fans erwärmte sie aber vor allem mit ihrem Kussritual: Nach ihren letzten drei Matches küsste sie jeweils den roten Sand ("Das schmeckt gut, sooo gut."). Und in ihrer Heimat wurde sie von der "Gazzetta" bereits als "Francesca I., Königin von Frankreich" geadelt. Tuttosport schrieb: "Schiavone in der Geschichte. Paris liegt ihr zu Füßen. Das italienische Tennis hat eine neue Heldin und kann wieder träumen." Als letztem Spieler aus ihrem Heimatland war Adriano Panatta 1976 ebenfalls in Roland Garros ein Major-Sieg gelungen.

Um die Auswirkungen des Ruhmes in den Griff zu bekommen, plant Schiavone, einen Teil des Preisgeldes von 1,12 Millionen Euro in eine Immobilie zu investieren. "Normalerweise essen wir zu Zehnt am Tisch. Ich werde jetzt wohl ein größeres Haus kaufen müssen, für 50 Leute", mutmaßte sie bei der Sieger-Pressekonferenz. Sie selbst will sich nur eine Jeans leisten. Amüsiert war die 29-Jährige über eine Schar von Freunden aus Kindertagen, die sich spontan für das Finale zehn Stunden ins Auto gesetzt hatten und auf der Tribüne "Nothing is impossible"-Shirts trugen.

Ganz fassen konnte Schiavone das Ausmaß ihres Coups noch nicht. Feiern wollte sie trotzdem. Die Nationalhymne bei der Siegerehrung vor 15.166 Zuschauern sang das Energiebündel lauthals mit, küsste ihren Coup Suzanne Lenglen und schickte via TV einen Gruß nach Hause: "Ich liebe Euch, Mami und Papi."

Die unterlegene Stosur erwies sich als faire Verliererin. Die sonst so cool wirkende Powerfrau vergoss einige Tränen der Enttäuschung. Am Ende dieser "großartigen Reise" in ihr erstes Grand-Slam-Endspiel habe sie auch auf "das ganze Märchen" gehofft, sagte die 26-Jährige von der Gold Coast. Dieses wurde aber nicht wahr, da sie nicht an ihre vorherigen Leistungen bei ihren Siegen gegen Justine Henin, Serena Williams und Jelena Jankovic hatte anknüpfen können. Im zweiten Satz verspielte sie sogar eine 4:1-Führung. (APA/sid/Reuters/red)

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    "Ich liebe Euch, Mami und Papi."

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