Musterschüler mit präsidialem Habitus

4. Juni 2010, 22:35
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Christian Wulff (CDU) wird deutscher Bundespräsident

"Es ist ein Junge!" So brachte die Frankfurter Rundschau ihren Leserinnen und Lesern die Neubesetzung an der deutschen Staatsspitze nahe. Und es ist gleichzeitig der Jüngste. 50 Jahre zählt Niedersachsens Ministerpräsident, er wird somit der jüngste Bundespräsident, den die Deutschen je hatten. Böse Zungen behaupten, das sei auch schon alles, was Wulff an Superlativen zu bieten habe.

Paradoxerweise haftete dem künftig ersten Mann im Staat lange Zeit das Verliererimage an. Wulff, der aus Osnabrück stammt und Jus studierte, absolvierte in der CDU-Niedersachsen die klassische Politkarriere: Schülerunion, Junge Union, Landtagsmitglied. 1994 und 1998 tritt er als CDU-Spitzenkandidat bei der Landtagswahl an und ist beide Male chancenlos. Der amtierende Ministerpräsident von Niedersachsen heißt zu dieser Zeit Gerhard Schröder (SPD). Erst 2003, beim dritten Anlauf, schafft es Wulff in die Staatskanzlei in Hannover. Seither regiert er mit der FDP.

Laute Worte oder gar Poltern hört man von ihm nicht. Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Hessen (Roland Koch) und Nordrhein-Westfalen (Jürgen Rüttgers) ist Wulff ein Mann der leisen Töne. "Meine Überzeugung ist, dass meist weder Schwarz noch Weiß das Richtige ist. Man muss verschiedene Positionen zusammenführen" , sagt er und klingt schon fast wie ein Bundespräsident. Unter den "jungen Wilden" in der CDU war er immer der Musterschüler.

Doch mit seiner freundlichen Art kann sich Wulff durchaus behaupten. Als Porsche VW übernehmen wollte, half er, dies zu verhindern. Vor wenigen Wochen gelang ihm bei der Kabinettsbildung ein Coup. Er brachte die erste Muslimin in Deutschland in ein Ministeramt, gleichzeitig die erste Ostdeutsche in ein West-Kabinett.

Wegbegleiter meinten in den vergangenen Monaten eine gewisse Überdrüssigkeit daheim zu spüren. Das Haus daheim sei bestellt, Wulff ziehe es nach Berlin, hieß es immer wieder, aber die Kanzlerin rufe ihn nicht. Lange galt Wulff auch als Kronprinz, doch 2008 erklärte er: "Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht."

Doch, da gibt es noch einen Superlativ: Wulff wird der Bundespräsident mit den jüngsten Kindern sein. Sohn Linus ist zwei Jahre alt, aus erster Ehe hat er noch Tochter Annalena (17). Als er sich 2006 in eine 15 Jahre jüngere Frau verliebte und scheiden ließ, ging Wulff das medial sehr offensiv an. Geschadet hat es seinem "Schwiegersohn-Image" nicht. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2010)

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