Aufputzarbeiten am Ufer von Albern

4. Juni 2010, 19:03
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Das Donauufer am östlichen Rand von Simmering ist seit 70 Jahren Wiens Hauptumschlagplatz für Getreide. Nun soll der Alberner Hafen belebt werden

Wien - Zweimal pro Woche schippert Wolfgang Steindl noch selbst über die Donau. Den Rest seiner Arbeitszeit verbringt der Kapitän an Land. Denn er hat nicht nur das Kommando auf dem Schiff "Eisvogel", das im Winter das Eis bricht und im Sommer mit Ausflüglern unterwegs ist. Steindl, braungebrannt, gestreiftes Hemd, kurzes dunkles Haar, ist auch Hafenmeister.

In Albern schaut er darauf, dass sämtliche Schiffe ordnungsgemäß in den Hafen ein- und auslaufen. "Ich bin hier inzwischen der einzige Mitarbeiter vom Wiener Hafen", sagt er. Die alten Getreidespeicher, die zwischen schlammig grauer Donau und leuchtend grüner Gstätten in den Himmel ragen, gehören schon lange nicht mehr zum stadteigenen Unternehmen. Der Wiener Hafen, der neben Albern aus Lobau und Freudenau besteht, hat die fünf Kriegsrelikte Anfang der Neunziger verpachtet beziehungsweise verkauft.

Und so wickeln etwa Raiffeisen und der italienische Mehllieferant Grande Molini dort in Eigenregie ihre Geschäfte ab. Der Großteil des Getreides kommt per Lastwagen und Bahn aus dem Umland und wird durch Europa geschippert. Hauptexportartikel ist dabei Hartweizen für italienische Pasta.

Unwienerischer Ort

Das ehemalige niederösterreichische Fischerdorf Albern gehört seit 70 Jahren zum Stadtgebiet - und ist noch immer ein sehr unwienerischer Ort: ein Friedhof, ein Gasthaus und sehr viel Gelände. Auf dem Friedhof der Namenlosen liegen die Toten, die zwischen 1845 und 1940 ans Donauufer geschwemmt wurden. Das Wirtshaus gleich daneben zeichnet vor allem der Umstand aus, dass an ihm sämtliche innenarchitektonischen und kulinarischen Modeerscheinungen der letzten 40 Jahre spurlos vorbeigegangen sind.

Jetzt soll der verschlafene letzte Zipfel von Simmering aber belebt werden. Im Zuge der Errichtung eines neuen Hochwasserschutzes bekommt Albern auch ein schickes neues Restaurant am Wasser. So jedenfalls der Plan. Denn der neue Damm, der in den nächsten Jahren gebaut wird, kommt direkt vors alte Gasthaus - und verstellt die Sicht auf die Donau. Weshalb die Gastronomie auf den Damm verlegt werden soll. Ob der Friedhofs-Wirt die Neuerung mitmacht, ist allerdings fraglich. Er denkt noch darüber nach, sich vorher zur Ruhe zu setzen und einem Nachfolger Platz zu machen.

Zuletzt schwappte die Donau im August 2002 übers Alberner Ufer. Derzeit hat man trotz Hochwassers noch 80 Zentimeter Spielraum. "Die Tendenz ist zwar leicht steigend", sagt Hafenmeister Steindl, "bis zur Kaimauer wird das Wasser aber nicht kommen." Der neue Damm und das Hafentor sollen bis 2013 fertig sein.

Bis die neue Sitzgelegenheit am Wasser aufsperrt, versucht man, zumindest tageweise mehr Jungvolk nach Albern zu locken. Am 13. und 14. August findet heuer das 4. Hafen-Open-Air statt. 16 heimische, von einer Jury ausgewählte Bands treten auf, 10.000 Besucher erwartet man insgesamt. "Bisher war das eher eine Insiderveranstaltung. Diesmal wird das etwas größer", sagt Wiener-Hafen-Geschäftsführer Rudolf Mutz.

Es sind 13 Kilometer von der Innenstadt bis zu den düsteren Monolithen am Donauufer. Albern soll in den nächsten Jahren auch schöner werden. Die städtische Hafengesellschaft versucht die Besitzer und Pächter der alten Speicher dazu zu bringen, die Fassaden zu sanieren. Bisher ist diesem Ansinnen aber nur Raiffeisen nachgekommen. Aus Imagegründen hat man zumindest jene Seiten des Speichers weiß gestrichen, die von der Ostautobahn aus zu sehen sind.

Unter Denkmalschutz

Hitlers ehemalige Getreidekammer für Wien wurde zwischen 1940 und 1942 von Zwangsarbeitern errichtet und steht heute unter Denkmalschutz. Wobei sich dieser Schutz weniger auf den Erhalt der Außenhülle bezieht. Die schmutzig braunen Stahlbetonmonster, um die ständig Tauben kreisen, dürfen nur nicht abgerissen werden. Da darin noch immer bis zu 130.000 Tonnen Weizen, Gerste, Sonnenblumenkerne und Raps pro Jahr zwischengelagert werden, ist dies derzeit aber ohnehin kein Thema.

Allerdings entwickeln sich alle drei Wiener Häfen zusehends zu Logistikzentren. Und so steht hinter den Speichern von Albern seit kurzem eine neue Lagerhalle, die von einer Spedition genutzt wird. Weil es schneller geht und billiger ist, wird die Ware mit Lastwägen angeliefert und auch auf dem Landweg wieder weggeschafft. In der Freudenau, der Lobau und in Albern landen gemeinsam gerade noch fünf Prozent der Güter auf einem Schiff. Hafenmeister Steindl dreht trotzdem täglich seine Runden. Mit 15 hat er als Bootsmann bei der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft angeheuert und ist selbst schon bis runter zum Schwarzen Meer geschippert. Dass in Wien kaum mehr Schiffe fahren, erfüllt den Kapitän mit Wehmut. "Das ist traurig", sagt er und nimmt einen kräftigen Zug von seiner Zigarette, "weil so ein Schiff ist schon was Schönes." (Martina Stemmer/DER STANDARD-Printausgabe, 5.5.2010)

  • Hafenmeister Wolfgang Steindl dreht täglich seine Runden und schaut darauf, dass alle Schiffe ordnungsgemäß ein- und auslaufen.
    foto: heribert corn

    Hafenmeister Wolfgang Steindl dreht täglich seine Runden und schaut darauf, dass alle Schiffe ordnungsgemäß ein- und auslaufen.

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