BP stülpt Trichter über Ölbohrloch

4. Juni 2010, 18:47
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BP ist es gelungen, einen Trichter über das Bohrloch im Golf von Mexiko zu stülpen - Statt aus vielen Lecks strömt nun nur mehr aus einem Öl

New Orleans - Doug Suttles klang am Freitag so optimistisch wie lange nicht. "Ich bin ziemlich sicher, dass es diesmal klappt", sagte der Ingenieur, der für BP die Operation Top Cap leitet, den neuesten Versuch, das Bohrloch im Golf von Mexiko zu stopfen.

Wenige Stunden zuvor hatte eine sechs Meter lange Schere, geführt von Unterseerobotern, ein verbogenes Steigrohr auf dem Meeresboden durchschnitten. Ein kleines Drama für sich: Zuvor war eine Kreissäge in dem Metall stecken geblieben, stundenlang hatte es so ausgesehen, als würde auch dieser Anlauf in einem Fiasko enden. Die alternativ eingesetzte Riesenschere schaffte keinen sauberen Schnitt, nur eine Zackenlinie. Eine zweite Säge musste nachbessern, damit ein Trichter halbwegs sauber aufgesetzt werden konnte. Auf den Live-Bildern einer Tiefseekamera war danach immer noch schwarzes, sprudelndes Öl zu sehen.

Statt aus mehreren Lecks fließt es allerdings nur noch an einer undichten Stelle ins Meer. Alles laufe nach Plan, kommentierte Suttles, der Chefingenieur. Man habe den Trichter mit vier Öffnungen versehen, um zu verhindern, dass sich eine Eisschicht bilde, die alles blockiere. Nach und nach würden die Öffnungen geschlossen - "ich bin zuversichtlich".

Fachleute sind skeptisch

Es ist eine Erfolgsmeldung in Moll, die die Amerikaner mit Zurückhaltung zur Kenntnis nehmen. Es werde eine Weile dauern, bevor man wisse, ob die Methode Erfolg hatte, sagte Thad Allen, der Kommandeur der Küstenwache. "Und selbst wenn es funktioniert, ist es nur eine provisorische Lösung." Noch skeptischer fällt der Tenor unabhängiger Fachleute aus. Erst im August, wenn zwei Entlastungsbohrungen den Druck aus der Quelle nehmen, glauben die meisten, wird kein Rohöl mehr nachschießen.

Schuld an der düsteren Stimmung ist BP-Chef Tony Hayward, der über Wochen sämtliches Vertrauenskapital aufgezehrt hat. Seit der Explosion der Plattform "Deepwater Horizon" ist er von einem Fettnäpfchen ins nächste getreten. Das auslaufende Öl sei nicht weiter schlimm, der Golf von Mexiko "ein sehr großer Ozean", spielte er das Desaster anfangs herunter. Für einen Aufschrei sorgte er, als er vor einigen Tagen beteuern wollte, dass er mit Hochdruck an einer Lösung arbeite: "Wissen Sie, ich hätte mein Leben auch gern zurück". Die Fischer im Mississippidelta waren empört.

Die Facebookgruppe Boycott BP zählt bereits mehr als 350.000 Mitglieder, täglich stoßen 30.000 hinzu. Am Mississippi kommt eine beispiellose Klagswelle ins Rollen. Ein Heer von Gutachtern ist damit beschäftigt, 31.000 Forderungen auf Schadenersatz zu prüfen, die meisten von Fischern und Hoteliers, die entgangene Einnahmen erstattet haben wollen.

Die US-Regierung schicke BP am Donnerstag eine erste Rechnung über 69 Millionen Dollar. Darin sind die bisherigen Ausgaben zur Beseitigung der Ölpest aufgelistet, BP muss sie bis 1. Juli zahlen. Wie hoch die Rechnung am Ende ausfällt, kann niemand sagen. Sicher ist nur: Sie wird in die Milliarden gehen. (Frank HerrmannDER STANDARD-Printausgabe, 5.5.2010)

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    Opfer der Katastrophe: ein Vogel am Strand der East-Grand-Terre-Insel vor Louisiana, der in den Ölteppich geraten ist. Noch bis August könnte Öl aus dem Bohrloch ins Meer fließen.

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