Rewe zwingt die Bäcker zu Raiffeisen

4. Juni 2010, 18:44
272 Postings

Die Handelskette bringt sich stärker in die Produktion ein. Lieferanten müssen ihr Biomehl künftig von einer Raiffeisen-Mühle beziehen

Die Handelskette bringt sich stärker in die Produktion ein. Lieferanten müssen ihr Biomehl künftig von einer Raiffeisen-Mühle beziehen. Das Getreide liefern die Rewe-Bauern. Die Branche sieht Machtmissbrauch.

Wien – Rewe mischt sich in Österreichs Backwarengeschäft ein und spielt Raiffeisen neue Kunden zu. Die Handelskette zwingt Bäckern beim Kauf von Biomehl einen neuen Lieferanten auf: Wer Billa, Merkur und Adeg beliefern will, muss bestehende Mühlenpartner aufgeben und zum Biobetrieb Rannersdorfer wechseln. Dieser steht unter dem Dach von Raiffeisen. Und er wird mit Getreide von mittlerweile gut 520 Bauern versorgt, die Rewe selbst unter Vertrag hat.

Von Preisdiktaten und Drohungen ist die Rede. Marktteilnehmer lassen nun prüfen, ob sich daran auch ein Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung der Rewe festmachen lässt – und den Gang zur Bundeswettbewerbsbehörde rechtfertigt, erfuhr der STANDARD.

"Geschlossene Qualitätssicherungskette"

Es geht um ein Volumen an Biomehl im Wert von geschätzt zehn Mio. Euro. Briefe gingen an ein gutes Dutzend Großbäcker, darunter Haubenberger, Ströck, Anker und Kuchen Peter. Sie werden ersucht, nur mehr ausschließlich bei Rannersdorfer zu kaufen. Es gehe dabei um eine geschlossene Qualitätssicherungskette, die eine Mitwirkung aller an der Produktion Beteiligten erfordere, teilte ihnen der Leiter des Rewe-Qualitätsmanagements, Andreas Steidl, mit.

Folge geleistet haben so gut wie alle. Auch Gerhard Ströck stellte Anfang Mai um, erzählt er. Andere berichten von massivem Druck, dem generellen Verbot für Verträge mit weiteren Mühlen und von der Drohung, auch mit konventionellen Produkten aus den Regalen zu fliegen. Nicht wenige Betriebe seien Raiffeisen-finanziert, so der Tenor, der Spielraum für Gegenwehr sei entsprechend gering.

Mit dem bisherigen Partner, der Biomühle Hans Hofer, hat Rewe alle Verträge aufgelöst. Der Familienbetrieb weigerte sich aufgrund von Differenzen über die Produktqualität, das Getreide ausschließlich von den Rewe-Bauern zu beziehen. Nun sprechen die Anwälte der beiden Unternehmen. Hofer blieb nämlich auf tausend Tonnen Getreide sitzen, die er für Ja!Natürlich gekauft hatte, ihm nun jedoch keiner mehr abnehmen darf. Seit zwei Monaten steht eine Klage von Rewe gegen ihn im Raum.

Erwin Hartberger, Chef der Hofer-Mühle, will sich dazu nicht äußern. Nur soviel: Das Umfeld habe nicht mehr gepasst, die Trennung sei einvernehmlich erfolgt. Peter Stallberger, Chef von Rannersdorfer, beruft sich auf eine seit zehn Jahren bestehende Partnerschaft mit der Rewe. Er hoffe, sie halte weiter langfristig, fügt er hinzu.

Eine Marktverschiebung gefiele vielen eben nicht, heißt es auf Anfrage bei der Rewe. Man schließe jedoch keine Mühle aus, wenn sie bereit sei, die Qualitätsgrundsätze umzusetzen. Im Biobereich sei die vertragliche Verknüpfung üblich. Eine Qualitätssicherung passiere zudem nicht nur im Labor – zumal viele Lebensmittelskandale ihren Ausgangspunkt in der Landwirtschaft genommen hätten.

Kampf um Kontrolle über Bio

Hintergrund des Disputs ist ein Kampf um die Vorherrschaft am Biomarkt. Die Handelsketten versuchen sich Flächen und Kapazitäten zu sichern, um damit Qualität wie Preise zu kontrollieren.

Es laufe darauf hinaus, Bauern abhängig zu machen, sagt Wolfgang Pirklhuber von den Grünen. Autoritäre geschlossene Systeme entstünden und der Wettbewerb leide. Dass sich Rewe zunehmend in die Produktion einbringt, verunsichert Produzenten auch auf einer anderen Front. Der Konzern hat eben rund 90 Mio. Euro in den Aufbau einer eigenen Backfabrik in München unter der Marke Glockenbrot investiert. Diese könnte ohne Probleme auch Teile Österreichs mitversorgen. Die Branche rechnet über kurz oder lang aber auch damit, dass Rewe ein Wiener Unternehmen übernimmt und ihre eigenen Brötchen bäckt. Raiffeisen ist als Bäcker in Osteuropa bereits aktiv. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6.6.2010)

Kommentar

Schlechtes Bauchgefühl – Von Verena Kainrath

  • Rewe bestimmt, was in die Regale kommt. Bei Brot und Gebäck hat der 
Konzern künftig ein noch gewichtigeres Wort mitzureden. Lieferanten 
reagieren gereizt, ziehen aber mit.
    foto: standard/newald

    Rewe bestimmt, was in die Regale kommt. Bei Brot und Gebäck hat der Konzern künftig ein noch gewichtigeres Wort mitzureden. Lieferanten reagieren gereizt, ziehen aber mit.

Share if you care.