"Müssen uns an neue afrikanische Führer gewöhnen"

4. Juni 2010, 18:50
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Nelson-Mandela-Biograf Richard Stengel über den früheren südafri­kanischen Präsidenten und sein politisches Erbe

Standard: Es hieß lange Zeit, dass Nelson Mandela nicht an der Eröffnungsfeier der WM teilnehmen würde. Eine symbolische Absenz in Zeiten, in denen Südafrika ausgerechnet seine Führungsstärke brauchen würde?

Stengel: Es hat sehr viel mehr mit seiner gesundheitlichen Verfassung zu tun als mit politischen Erwägungen. Würde er sich dazu in der Lage fühlen, würde er sich diese Feierlichkeit mit Sicherheit nicht entgehen lassen. Ich würde also keine besondere politische Bedeutung damit verbinden.

Standard: Meine Frage zielte auf die neuen Führer im ANC, Präsident Jacob Zuma und den Jugendleader des Afrikanischen Nationalkongresses, Julius Malema. Es zeichnet sich eine Radikalisierung der Partei ab. Wie bewerten Sie das? Und was denkt Nelson Mandela, dem Sie den Habitus eines viktorianischen Aristokraten zuschreiben, darüber?

Stengel: Zunächst, es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Zuma und Malema. Viele in Europa und im Westen allgemein sahen Mandela, Thabo Mbeki und all die anderen aus dieser Gründergeneration als Politiker, mit denen man Geschäfte machen konnte. Zuma steht für ein unterschiedliches Modell. Er ist der erste Führer des ANC, der von der Straße, aus armen Verhältnissen kommt. Das ist ein neuer Stil, an den sich die Welt erst gewöhnen muss. Besonders in Europa und den USA hängt man noch immer am westlichen Habitus, den die ANC-Führer über lange Jahrzehnte gepflegt haben.

Standard: Wir sehen also die erste Generation genuin afrikanischer Führer in Südafrika?

Stengel: Ja. Mbeki hat in Großbritannien studiert, in der Sowjetunion und anderswo in Afrika gelebt. Er war ein Intellektueller im Präsidentenamt. Auch er stand nie für den gesamten ANC, und es war unausweichlich, dass irgendwann einer zum Parteichef aufsteigen würde, der für die einfachen Leute steht.

Standard: Ist mit diesem Personalwechsel auch die Zeit der Versöhnung vorbei? Stehen die Zeichen auf erneuter Konfrontation zwischen den Schwarzen und Weißen?

Stengel: Das würde ich nicht so sehen. Es ist eher an der Zeit für die Führung des ANC, für die Armen in Südafrika einzustehen. Es ist keine Frage mehr von Schwarz gegen Weiß, es ist vielmehr eine Frage der Einkommensdifferenz. Die Wohlhabenden im Land sind nicht mehr allein weißer Hautfarbe. Der ANC muss heute sein historisches Versprechen einlösen und den Lebensstandard seiner armen Mitglieder erhöhen.

Standard: Wie viel Einfluss hat Mandela noch auf die ANC-Führung?

Stengel: Seit er vor ein paar Jahren seinen Rücktritt vom Rücktritt erklärt hat, spielt er mit Sicherheit eine symbolische Rolle in der südafrikanischen Politik. Ins Tagesgeschäft bringt er sich aber nicht ein.

Standard: Sie haben Mandelas Gesundheitszustand erwähnt. Was wird geschehen, wenn er stirbt?

Stengel: Südafrika ist eine große Erfolgsgeschichte. Und der Großteil davon ist Mandelas Führungsstärke geschuldet. Er hat das Land auf den Weg in die Zukunft gebracht. Heute ist Südafrika viel afrikanischer als vor 20 Jahren und auf dem Weg zu Freiheit und Prosperität. Das wird bleiben ... (Christoph Prantner, DER STANDARD, 5./6. Juni 2010)

ZUR PERSON: Richard Stengel (55) hat in Princeton und Oxford studiert. Seit Anfang der 1980er-Jahre arbeitet er als Journalist und Essayist für das "Time Magazine" , den "New Yorker" und die "New York Times" , seit 2006 ist er Chefredakteur von "Time" . Daneben schrieb Stengel zahlreiche Bücher. Eine Auswahl: "Ein langer Weg zur Freiheit" (Mandelas Autobiografie), "Das Handbuch für Schmeichler und Arschkriecher" und zuletzt "Mandelas Weg".

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    Mandela stemmt den WM-Pokal.

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    Mandela-Biograf Richard Stengel.

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