Schmerzliche Erkenntnisse

4. Juni 2010, 18:34
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Von den Freuden des freien Unternehmertums zwischen "vertragslosem Zustand" und Mindestbeitragsgrundlage - Von Barbara Kaufmann

Im Frühjahr war dann endgültig Schluss. Mein Betreuer der Kärntner Bank, bei der ich seit meinem ersten Ferialjob mit 16 mein Konto hatte, hat sozusagen unsere Beziehung beendet. Es gehe so nicht mehr weiter! Unregelmäßige Einzahlungen, immer wieder im Minus, manchmal sogar überm Dispo. Er habe ja Verständnis für brotlose Künstler und selbst ein Abo fürs Klagenfurter Stadttheater, aber ich müsse ihn auch verstehen. Freiberufliche Künstler - das war die Message - gehören nicht gerade zu der Klientel, die man als Bank unbedingt halten will!

Meine Mutter, leicht emotionalisierbar wie alle Kärntner, wollte sofort aus Solidarität ihr Pensionsgeld abziehen. Der Bankbeamte würde ja so tun, als hätte ich einen Beruf im Rotlichtmilieu. Leider nicht! Wenn dem so wäre, würde er mir wohl persönlich die Filialtür aufhalten. Ich kenne zufällig eine ehemalige Sexarbeiterin, die bei einer Escortagentur gejobbt hat. Sie hätte für meinen Stundenlohn nicht mal ihren kleinen Zeh entblößt.

Auf meiner Anmeldung für die SVA steht bei Beruf "Drehbuchautorin". Es ist das Resultat eines anstrengenden, mühsamen Weges voller Entbehrungen, großer Hoffnungen und natürlich einer gesunden Portion Optimismus. Sechs Jahre Studium auf der Wiener Filmakademie und seitdem ebenso viele Jahre als Neue Selbstständige in einem Berufsfeld, das hierzulande geradezu familiär überschaubar und trotz der sichtbaren Erfolge vor allem von chronischer Geldnot geprägt ist.

Dabei geht es mir nicht anders, als den Studenten und Absolventen anderer Kunst-, Fachhochschulen oder Universitäten, die in ähnlichen Sparten tätig sind. In Kunst und Kultur, in den Medien, der Werbung oder im IT-Bereich.

Anstellungsverhältnisse sind rar, für manche Berufe schlicht nicht existent oder sie erschöpfen sich in monatelangen Praktika, deren Entlohnung wohl eher als "symbolisch" zu bezeichnen ist. Wer Anfang 30 davon die Schnauze voll oder keine andere Chance hat, macht sich selbstständig.

Und zwar in den sogenannten "neuen" Berufen, die mit einem positiven Image verbunden sind, weil sie ein hohes Maß an Abwechslung, Freiheit, und Selbstverwirklichung versprechen: Web-Designer, Programmierer, Werbetexter, Journalisten, Regisseure, Dramatiker, Modedesigner, Grafiker, Neo-Lokalbesitzer, usw.

Es sind genau jene Berufe, die von der Politik im Vorfeld der Wien-Wahl auch gerne zitiert werden, wenn es darum geht, das Image einer modernen, jungen Stadt zu transportieren.

Von den jungen Wiener Kreativen liest man dieser Tage wieder öfter. Dass sie das Stadtbild in Gegenden wie dem Karmeliterviertel oder rund um den Yppenplatz prägen. Eine lebendige Szene bilden mit aktivem interdisziplinären und interkulturellen Austausch. Gemeinsam Unternehmerzentren gründen und dadurch Orte aufwerten, die bis dahin graue Flecken am Stadtplan waren. Gerne rühmt man sich ihrer in der roten Stadtpartei, um von einer Wählerschaft jenseits der 60 abzulenken. Noch schmerzhafter ist es bei den Grünen. Dort sind wir mittlerweile zu einem bewegten Plakathintergrund, zu Statisten einer Inszenierung verkommen, deren Zweck ein rein narzisstischer ist. Schaut her, das ist meine Entourage! Kreativ, attraktiv, anders! Aber wenn die Vorstellung zu Ende ist und die Plakate im Müll bzw. in diesem Fall hoffentlich im Altpapier verschwinden, landen unsere Anliegen ebenfalls dort.

Tatsächlich ist es so, dass sich die jungen Kreativen die Mieten in den von ihnen entdeckten Vierteln schon längst nicht mehr leisten können. 60 Prozent der SVA-Versicherten verdienen angeblich unter 1000 Euro monatlich. In meinem Bekanntenkreis sind es prozentuell weit mehr. Das ganze natürlich 12, nicht 14 mal. Dazu kommen die Kosten für den Steuerberater, nicht zuletzt die hohen Selbstbehalte der Versicherung und vor allem das fehlende soziale Netz. Kein Arbeitslosengeld, auch wenn man bereits seit Jahren Steuern zahlt. Ein erschwerter Zugang zu dringend benötigten Überbrückungskrediten!

Schlechtere Konditionen bei Bankkonten und seit Neuestem auch bei der Wohnungssuche. Immer mehr Vermieter wollen Einkommensnachweise, bevor sie ihre Wohnungen vergeben. Angestellte mit Arbeitsverträgen werden dabei um ein vielfaches lieber gesehen, als Selbstständige mit unregelmäßigen Einkommen.

Selbstständiger in Österreich zu sein heißt immer öfter, sozial stigmatisiert zu sein. Niemand fühlt sich für uns verantwortlich.Wir haben keine mächtige Interessenvertretung, keine Lobby. Dass 700.000 Sozialversicherte plötzlich "vertragsfrei" sind, ist ein Skandal, der im Land der Sozialpartnerschaft niemand zu interessieren scheint.

Ich musste in den letzten Tagen an ein Recherchegespräch denken, das ich im Herbst mit einem forensischen Psychiater geführt habe. Auf meine Frage, wie ich mir eine akute Psychose vorzustellen habe, meinte er lächelnd: wie ein Politikerinterview in der ZiB 2. Sie stellen konkrete Fragen, doch die Antworten entstammen einer anderen Wirklichkeit, stimmen mit dem Gegenstand der Frage nicht im Geringsten überein.

Herr Minister, was sagen Sie zu 400.000 SVA-Versicherten, die nun in der vertragsfreien Zeit ihre Arzthonorare selbst vorstrecken müssen? Antwort Minister: Ich hätt meinen gern mit Milch und Zucker. Den neuen Selbstständigen bleibt nach den vergangenen Tagen nur die schmerzliche Erkenntnis, dass sie zwar als chices Accessoire der Politik taugen, in ihrem täglichen Existenzkampf von ihr jedoch allein gelassen werden. Oder um es mit der Berliner Sängerin Britta zu sagen: Ich zähle täglich meine Sorgen, dabei denk ich noch nicht einmal an morgen! Ich hab ja keine Angst, nur manchmal frag' ich mich: Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht? (Barbara Kaufmann, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

Zur Person: Drehbuchautorin in Wien

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