"Aber das Meer geben wir nicht her"

4. Juni 2010, 17:37
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    Piran: Die Seegrenze hier in der Bucht ist ungeklärt. Slowenien und Kroatien wollen sich auf ein Schiedsgericht verlassen.

Referendum über Abkommen zur Lösung des Grenzstreits mit Kroatien

Die Slowenen stimmen am Sonntag über das Abkommen zur Lösung des Grenzstreits mit Kroatien ab und damit nicht nur über die EU-Ambitionen des Nachbarstaats, sondern des ganzen Balkans.

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"Kroatien ist eine Besatzungsmacht!", ruft Stanislav Polanec (70) fröhlich, und die ganze Pensionistenrunde bricht in Gelächter aus. Der Ernst und das Pathos, mit dem die Politiker um die Seegrenze streiten, ist nicht nur den alten Herren, die sich zum Kaffee in einem Einkaufszentrum getroffen haben, ein bisschen peinlich. Aber egal ist ihnen das Thema auch nicht. "Da haben sie zum Beispiel einen Grenzposten einen Kilometer in slowenisches Territorium gebaut" , erinnert sich Polanec. "Das macht man nicht unter guten Nachbarn." So gehe dann am Ende Stück für Stück verloren, ereifert sich der alte Herr und hackt mit der Handkante Scheiben von einer imaginären Salami.

Am Sonntag sollen 1,7 Millionen Slowenen über ein Grenzabkommen mit dem Nachbarn Kroatien abstimmen. Nach der jüngsten Umfrage, die im Lande selbst schon nicht mehr veröffentlicht werden darf, wollen 34 Prozent dafür und 36,4 dagegen stimmen. Das Abkommen ist für lange Zeit die letzte Chance einer Einigung. Scheitert es, droht wieder wie im vorigen Jahr die Blockade der kroatischen EU-Beitrittsverhandlungen. Und damit stockt dann der ganze Zug der Osterweiterung.

Nichts von Fremden

Die drei rechten Oppositionsparteien setzen auf die Urangst der kleinen Nation vor dem Aufgeriebenwerden. "Von den Fremden wollen wir nichts, das Unsere geben wir nicht her" , ist die Parole der Demokratischen Partei (SDS) von Ex-Premier Janez Jansa. Die Parole stammt ausgerechnet vom jugoslawischen Staatschef Tito (1892-1980), der unter den Rechten sonst verfemt ist. Mit einer Broschüre mobilisieren die Demokraten noch konkretere Ängste: "Kärnten haben sie uns genommen, Triest und Görz - aber das Meer geben wir nicht her!" , steht fett im Titel - Reminiszenz an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als jugoslawische Soldaten für ein paar Monate auch in Österreich und Italien standen.

Bei Stanislav Polanec und seinen Freunden greift die Propaganda nicht; sie wollen alle der Empfehlung der Regierung folgen und mit Ja stimmen. "Für das Abkommen, für die Vernunft" , lautet deren Parole. Katarina Kocbek dagegen stimmt mit Nein. "Die slowenischen Politiker hätten sich lieber untereinander einigen sollen, statt die Frage an das Volk weiterzureichen" , sagt die 27-Jährige. Das glaubt auch Rok Dolenc (23), Jus-Student. In der Sache steht er voll hinter der Position seines Landes. Die Halbinsel Istrien südlich von Piran, heute Teil Kroatiens, sei eigentlich immer teils slowenisch, teils italienisch gewesen, aber nie kroatisch. Trotzdem stimmt er mit Ja. "Das Abkommen" , sagt Polanec, "ist gut."

Differenziert, nicht polarisiert sind die Ansichten an der Basis - nicht nur bei den Wählern, sogar unter den Politikern der zweiten Reihe. Gregor Pivec, SDS-Chef der zweitgrößten Stadt Maribor, hat ein ganzes Dossier vor sich liegen. Wie jeder, der Englisch kann, interpretiert er an dem Wort "junction" herum. Im englischen Originaltext des Abkommens wird Slowenien eine "junction" oder "Verbindung" zum offenen Meer versprochen. Was aber heißt das? "Es kann ein Korridor sein" , meint Pivec, "aber auch bloß ein Durchfahrtsrecht." Wegen der Unklarheit ist er gegen das Abkommen. "Wenn sie Korridor gemeint hätten, wie die Regierung behauptet, hätten sie ja Korridor hineinschreiben können." Sein Gegenspieler Bojan Horvat ist dagegen sicher, dass das Schiedsgericht Slowenien einen Weg ins offene Meer zusprechen wird. Er hat sich schlau gemacht: So sei es auch in Honduras gewesen.

Gegen Kroatien und die Kroaten ist von niemandem ein böses Wort zu hören. Klar sollten sie EU-Mitglied werden können, sagt auch SDS-Mann Pivec. "Schließlich haben viele Slowenen dort Eigentum." Die Wirtschaft sei zu 85 Prozent für das Abkommen, schätzt Horvat: Die meisten Firmen machen im Nachbarland die besten Geschäfte. Dass der sozialdemokratische Premier Borut Pahor im Vorjahr die Grenzfrage mit Kroatiens EU-Beitritt verknüpft hat, ist allen so peinlich wie der nationale Ton in der Debatte. Das Junktim sei "nicht ganz klug" gewesen, meint Horvat, immerhin Parteifreund des Premiers. Und auch Pivec würde die Blockade bei einem Nein nicht wieder aufnehmen wollen.

Aber was keiner will, kann trotzdem passieren. Pivecs Parteichef Jansa, der eine Chance auf die Rückeroberung der Macht wittert, hat sich ausweichend geäußert: Nicht Slowenien habe Kroatien blockiert, umgekehrt blockiere Kroatien seit 19 Jahren Sloweniens Zugang zum Meer. Premier Pahor kann bei einem Nein erst recht nicht klein beigeben. Er stünde vor den Scherben seiner Politik. Und bevor er das zugibt, meint Pivec, macht er eben weiter. (Norbert Mappes-Niediek aus Maribor/DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2010)

 

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Franz Rieser der Phaeton von 1987
01
"Kärnten haben sie uns genommen, Triest und Görz - aber das Meer geben wir nicht her!"

Warum beruhigt mich das nicht, dass südlich der Karawanken die gleichen Spinner sitzen wie im Norden? So wird das mit den Ortstafeln noch lange weitergehen, wenn man solche Broschüren zitieren kann!

widiwutsch
00
Was mich jetzt wirklich interessieren würde....

ist, ob in Piran die Bootstankstelle endlich wieder in Betrieb ist oder ob man immer noch nach Portoroz muss.

heute ist fast morgen
00
Die 2 Meilen?

Ist doch auch schon wurst...

Im Notfall kann man von der Marina Piran auch zu Fuß nach Portorose hatschen für einen Kanister Sprit :)

widiwutsch
00
Kanister ist gut...

Außerdem ist es halt praktisch, weil man von CRO kommend zum Einklarieren ja eh immer als erstes nach Piran rein muss.

rasenmähermann
00

Vollkommen absurd das Ganze. Außer in den letzten zwanzig Jahren war die Grenzziehung in dieser Gegend vollkommen irrelevant und selbst wenn Slowienen diesen Korridor bekommt, in einem Krieg wäre dieser Korridor sowieso nie alleine zu halten.

A_Schläsinger_vu_Brassel
44

Ein 1- bis 2-Millionen Stadt mit der internationalen "Bedeutung" Sloweniens (unwichtiger als Luxemburg, Liechtenstein oder Monaco, die viel, viel kleiner sind) sollte sich nicht so aufblasen.

LPFe
20
wau ... und Österreich und Kroatien sind natürlich Metropolen ...

Di Fazz
03

Oh ja fein - da ist jemand noch kleiner und unwichtiger als Österreich. Denen müssen wir jetzt mal ordentlich sagen was Sache ist!

alcharismi
 
06
Aha?

"Die Halbinsel Istrien südlich von Piran, heute Teil Kroatiens, sei eigentlich immer teils slowenisch, teils italienisch gewesen". Also ich hab noch keinen Istrer kennengelernt, der sich als Slowene bezeichnet hätte.

LPFe
30
Geschichtsunterricht

eh ... die Slowenen waren ja auch hauptsächlich in der Umgebung Triests ansässig, welches ja heute zu Italien gehört ... Pech, gel ?

wenn's wollen kann ich Ihnen einen link schicken, der beweist, dass Kroaten in diesem Gebiet nie gelebt haben ... aber das reicht Ihnen, nehme ich an, auch nicht, oder ?

mitrovic dejan
60
In Slowenien haben Serben Wahlrecht.

Serbische Slowenen sind Zünglein an der wage.
Bei fifti,fifti wahlergebnis,enscheidet jeder stime.
Liebe Kroaten seit lieb zu Serben in Kroatien.
http://derstandard.at/126774362... geloeschte

Drago+
01

Die paar Tausend Serben sind sicher nicht wahlentscheidend in Slowenien. Gut, der Bürgermeister von Ljubljana mag Serbe sein, und die Slowenische Nationalpartei sucht immer wieder die Nähe zu serbischen Nationalisten. Aber das sind Einzelerscheinungen. Morgen sind sie vergessen..

Kohlhaas1
01
Das nützt denen nach den Verteibungen der krajiner Serben auch nichts mehr.

Das Volk merkt sich sowas ziemlich lang und es gibt immer wieder Anlässe alte Parolen auszugraben und damit Feindbilder und Vorurteile zu bedienen.

Di Fazz
00

Slowenen haben die Krajiner Serben vertrieben? Späßle g'macht?

Kohlhaas1
00
Siehst, jetzt ist das Mitrovic Post wieder da und jetzt passt das auch wieder zusammen.

Beim Standard braucht man eben viieel Geduld.

Klemens Dickbauer
00

Tatsächlich... wie von Zauberhand...

Kohlhaas1
10
Der Standard hat wie so oft einen Eintrag gelöscht und die Antwort stehen lassen.

Oder die Antwort einfach nur falsch zugeordnet.
Mitrovic schrieb, daß die Kroaten freundlich zu den in Kroatien verbleibenen Serben sein sollten, der Abstimmungen wegen. Darauf bezog sich mein Post. Aber richtig erkannt, s´wär a Spässle gwest.

omesco
03

Vielleicht versteht jetzt der Rest von Österreich ,warum die Kärntner für Österreich gekämpft und auch für Österreich bei der anschl, Volksabstimmung gestimmt haben.(Auch die sogen. Windischen haben dies grossteils getan)

omesco
16

Was heisst hier :Kärnten haben sie uns genommen"
Da sieht man wieder diese Spezies von Nationalisten, die immer zündeln.Würde mal die Slowenen fragen wie es mit der Untersteiermark ausschaut.

die_geisterkuh
00

Oppositionsführer Janez Jansa warf der Mitte-Links-Regierung vor, die Slowenen gespalten zu haben. Es wiederhole sich "die tragische Geschichte vor 90 Jahren (...) als wir um einige tausend Stimmen Klagenfurt und Kärnten verloren haben".

Christiane Amanpour
 
00

In diesem Zusammenhang ist das selbstverständlich eine nationalistische (slowenische) und daher nicht sehr g'scheite Äußerung.

Wenn Sie aber in die mittelalterliche Geschichte der slawischen karantanischen Fürstentümer schauen, wird dieser Satz logisch.

Die Fürsten um den Herzogstuhl waren Slawen. Deshalb gibt es ja auch das wissenschaftlich eigenartige Kärntner Landesgesetz, das archäologische Grabungen verbietet, die das durch noch mehr Belege beweisen würden.

Aber das ist ein nationalistisches Minenfeld. Und zwar ein hausgemachtes.

-_-
00
Slowenien hat einen Meerzugang

also muss es auch rausfahren können, ohne irgenswelche künstlichen Grenze zu verletzen

wi718
00
künstliche grenzen...

und nichtkünstliche grenzen. nach welchen kriterien unterscheiden sie die?

Drago+
02

No Problem. Führen wir doch die Internationalen Gewässer bis an die slowenischen ran ;)

Die Slowenen bekommen ihren "freien" Zugang, und den Kroaten wird es nicht weh tun, dass bisschen Wasser an Internationale Gewässer abzugeben. Problem gelöst.

LPFe
31
den Kroaten wird das sehr wohl weh tun ...

denn das ist genau das, was sie verhindern wollen; Slowenien's freien Zugang zu öffentlichen Gewässern; die wollen ja ihre eigenen maroden Häfen, denen Koper natürlich weit überlegen ist, auf diese Weise konkurrenzfähig machen ...

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