Eine Art von Sensibilität gegenüber dem Leben

4. Juni 2010, 17:35
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Der belgische Starchoreograf Alain Platel gastiert mit "Out of Context - for Pina" in Wien - Mit Helmut Ploebst sprach er über Glenn Gould, Heilpädagogik und die Liebe zu Pina Bausch

In einem Klangraum aus Tierstimmen, Songs und elektronischen Pulsen muten sich Tänzer provokante Verrücktheiten zu. Sie arbeiten mit ironischen Anspielungen auf den durch die Medienmaschinen unserer virtualisierten Gesellschaft getriebenen, hysterischen Körper. Im Tanz verändert sich die Welt - daran arbeitet der notorische Utopist Alain Platel schon immer: der utilitaristisch gebügelten Gesellschaft üppige, funkelnde Gegenstücke entgegenzuhalten. Bei Out of Context - for Pina verkörpern die Tänzer sich selbst. Hier verwandeln sich also nicht Einzelpersonen in Rollenfiguren, sondern es werden Live-Bilder hergestellt, die ein Zusammenspiel verschiedener Transformationen darstellen. Dafür haben Platel und seine Company jedes Detail in Bewegung, Timing und Repräsentation genau abgewogen. Trotzdem wirkt die Performance so leicht, als wäre sie eine Abfolge von spontanen Eingebungen.

Standard: "Out of Context" ist eine untypische Arbeit für Sie. Sehr schlicht, keine Bühneninstallation, kein Orchester. Wie kommt das?

Platel: Ich wollte eigentlich ein Projekt für Gérard Mortier in New York machen, der dorthin sollte, nun aber in Madrid arbeitet. Also wurde das Projekt um zwei Jahre verschoben. Ich wollte aber unbedingt mit den Tänzern aus meinen beiden Vorgängerarbeiten VSPRS und Pitié! weitermachen. So habe ich dieses kleinere Projekt initiiert. Die finanzielle Bedingung war, dass es eine "leichte" Produktion werden sollte: ohne Livemusik und Bühnenset. Ich wollte das tänzerische Material von VSPRS und Pitié! weiterentwickeln und dabei auf den Zusammenhang verzichten, in dem wir sonst arbeiten. So erzeugen wir einen neuen Kontext.

Standard: Apropos Kontext. Wie kommt die Widmung für die im Vorjahr verstorbene Pina Bausch in den Titel?

Platel: Sie gehört zu den Personen, die mein Leben geprägt haben. Als ich erstmals Stücke von ihr sah, war der einzige große Choreograf hier in Belgien Maurice Béjart. Er nutzte Körper, um Formen mit ihnen zu gestalten. Und dann war sie da, eine berühmte Choreografin, selbst eine sehr gute Tänzerin, die Tänzer ersuchte, nicht mehr zu tanzen, sondern zu zeigen, wer sie waren. So erhielten sie eine Identität auf der Bühne. Das habe ich als sehr wichtige Information für meine Arbeit mitgenommen.

Standard: Worüber haben Sie sich persönlich mit ihr ausgetauscht?

Platel: Wir haben immer nur sehr kurz über Theater, Tanz oder Kunst gesprochen. Und viel mehr über - das Leben. Mit Leuten, die ich wirklich gern habe, rede ich selten über meine Arbeit. Pina war eine der Personen, von denen ich sagen kann, dass ich sie zutiefst liebe. Persönlich, nicht als Phänomen.

Standard: Wie ist es Ihnen gelungen, die Leidenschaften von Hysterikern auf Tänzer zu projizieren?

Platel: Mein Beruf ist nicht Tänzer, Choreograf oder Regisseur, ich habe Psychologie und Pädagogik studiert und als Heilpädagoge gearbeitet. Menschen, die früh in ihrem Leben Erfahrungen mit Behinderungen machen, entwickeln eine eigene Art von Sensibilität gegenüber dem Leben. Das interessiert mich. Und zum anderen die körperliche Seite. Ich zeigte meinen Tänzern Filme mit sogenannten Hysterikern vom Beginn des vorigen Jahrhunderts. Hysterie ist ja wie eine Fassade, wenn es keine andere Art mehr gibt, mit den großen Problemen des Lebens umzugehen. Und die Tänzer entdeckten etwas in dieser Körpersprache, das auch sie brauchen, um tiefere Gefühle auszudrücken.

Standard: Hysterie wurde besonders Frauen angedichtet ...

Platel: Bei Beginn der Proben für dieses Stück habe ich den Tänzern eine Dokumentation über das Leben von Glenn Gould gezeigt. Ich denke, dieser Mann war ein absoluter Hysteriker, hypersensitiv gegenüber den großen Gefühlen des Lebens. Und er konnte nur damit umgehen, indem er versuchte, so perfekt wie möglich zu spielen. Wenn ich so etwas sehe, erkenne ich es als eine Form von Normalität, die jeder von uns in sich trägt.

Standard: In "Out of Context" setzen Sie auch Tierstimmen ein ...

Platel: Ja, zum Beispiel von Hirschen. Über solche Mittel beziehe ich mich auf die Natur. Eine Anregung dafür kommt von Lars von Triers Antichrist. Ich mag seine Filme zwar überhaupt nicht, aber der ist überwältigend, eine bewundernswerte Arbeit über Tod und weibliche Sexualität. Diese Naturdarstellung mit all den Elementen von Zivilisation, Sexualität und Intellekt ... Die ganze Company hat Antichrist gesehen. Daher kam der Entschluss, Tierstimmen zu nutzen.

Standard: Wie viel von dem einstigen Heilpädagogen steckt noch in dem Künstler Alain Platel?

Platel: Vieles von dem, was ich heute mache, war damals schon präsent. Aber früher war es mir noch unangenehm, es in eine Körpersprache umzusetzen. Seit VSPRS - jetzt oute ich mich - sage ich: Okay, man kann sich's anschauen. Wenn man das einmal sieht, verändert sich auch der Kontakt zu behinderten Menschen. Die Scheu verschwindet, zu schauen und zu sehen, etwa wie verbrannt ein Gesicht ist. Und dann kommt: Wer bist du?

Standard: Haben Sie je mit wirklichen Behinderten gearbeitet?

Platel: Das würde ich nicht machen. Allerdings waren blinde Kinder und taube Schauspieler Teile von Besetzungen in Stücken von mir. Weil ich sehen wollte, was der Unterschied ist zwischen Leuten, die eine Körpersprache nutzen, um sich zu verständigen, und jenen, die sie aus künstlerischen Gründen gebrauchen.

(Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

Zur Person:
Alain Platel (51) geboren in Gent, arbeitete als Heilpädagoge, bevor er über erste Laientheaterversuche zum Tanz kam. 1984 gründete er mit Les Ballets C de la B ein bis heute höchst einflussreiches Kollektiv, aus dem etwa auch Sidi Larbi Cherkaoui kommt. Platels bekannteste Arbeiten, "Iets op Bach" , "Wolf" , "VSPRS" und "Pitié!" , waren in Wien zu sehen.

  • "Die Scheu verschwindet, zu schauen und zu sehen, etwa wie verbrannt ein
 Gesicht ist": Alain Platel.
    foto: ellen goovaerts

    "Die Scheu verschwindet, zu schauen und zu sehen, etwa wie verbrannt ein Gesicht ist": Alain Platel.

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