Unerbittliche Spannung - und Eile mit Weile

4. Juni 2010, 17:27
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Maurizio Pollini mit Schumann und Chopin bei den Festwochen

Wien - Kaum einem anderen Pianisten, dessen Karriere noch andauert, eilt ein so legendärer Ruf voraus wie Maurizio Pollini. Kaum jemandem wird eine derart unfehlbare Technik nachgesagt, kaum jemandem auch ein vergleichbar konstantes Bündel interpretatorischer Eigenschaften.

Kühle, Perfektion und Intellektualität - aus diesen Ingredienzen besteht das kollektive Bild des Mailänders, dem dank seines Einsatzes für zeitgenössische Musik auch der Geruch des Unbequemen, Sperrigen, jedenfalls des Anspruchsvollen anhaftet. Auch wenn er seine Recitals inzwischen weitgehend dem klassischen Repertoire widmet und das 20. Jahrhundert eher in das bei den Salzburger Festspielen ins Leben gerufene "Progetto Pollini" und dessen Nachfolgeprojekte verfrachtet hat.

Im Rahmen der Festwochen-Konzerte widmete sich der 68-Jährige Werken von Schumann und Chopin - und verlieh zunächst Schumanns Kreisleriana einen widersprüchlichen, zerrissenen Charakter. Eilig, manchmal ein wenig gehetzt, versah er sie zugleich großzügig mit Ruhepunkten des agogischen Verweilens, was nicht immer ganz ausgewogen wirkte. Zu solchen gestalterischen Unebenheiten schienen - diesmal übrigens vermehrt - auch kleine technische Schwächen zu kommen. Dennoch: Die brodelnde Unruhe und Schizophrenie vor allem des folgenden Concert sans Orchestre stellte er ungeschönt und ohne jegliches falsches Sentiment in den Raum.

Von Süße keine Spur

Ähnliches galt auch für Pollinis Chopin: In den 2 Nocturnes op. 27 verband er Kantabilität mit der Klarheit einer mitunter metallischen Härte, die auch, aber nicht nur aus dem von ihm bevorzugten brillanten, schlackenlosen Klavierklang resultierte. Verbunden mit der Akustik im Musikverein, die so etwas nicht abmildert, sondern bis in die letzte Reihe trägt, blieb da von Süße keine Spur. Mit seiner singulären Verbindung von Distanz und Tiefe lotete der Pianist dann auch die 24 Préludes aus: Pollini ist einer der wenigen, die es verstehen, den Eindruck eines geschlossenen Ganzen zu suggerieren und hielt quer durch die wechselvollen Miniaturen die Spannung unerbittlich aufrecht.

Die letzten einsamen Basstöne des d-Moll-Stücks meißelte er dann mit einer erratischen Wucht wie die Eruptionen Neuer Musik heraus - und hatte noch Reserven, um zwei Chopin-Zugaben nachzureichen. Stehende Ovationen. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

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