Die unmögliche Vertreibung Gottes aus Russland

4. Juni 2010, 17:02
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Zwölf Stunden dauert Peter Steins Erzähltheater bei den Festwochen

"I Demoni" ist ein mit wenigen Kompromissen beglückendes, intensives Literaturerlebnis mit herausragenden Darstellern

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Wien - Auf der Suche nach der "großen Idee" , dem einzig Wahren, können sich Väter und Söhne schwer einigen. Die Jugend will Schluss machen mit der Schwärmerei der Alten und stattdessen endlich handeln, möglichst radikal. "Machen wir alles neu" , sagen die revolutionär gesinnten Hitzköpfe in Fjodor Dostojewskijs Anti-Nihilismus-Roman Die Dämonen. Ungehört verhallt die Frage des Vaters: "Ich bin gealtert. Habe ich deshalb unrecht?"

Ein ungeheuerlicher Generationenkampf tobt in Peter Steins Bühnenstück I Demoni: Vorigen Frühsommer hat der deutsche Starregisseur auf seinem umbrischen Landsitz mit 26 italienischen Schauspielern eine in ihrer schlichten, dem russischen Autor verpflichteten Tonart beeindruckende Nacherzählung des Romans erarbeitet, die am Donnerstag bei den Festwochen Wien-Premiere hatte. Nach Dramatisierungen der Dämonen durch Albert Camus (Die Besessenen, 1959) und Frank Castorf (1999) ist Steins zwölfstündige Fassung nur nach außen hin reines Erzähltheater.

Dazu bietet Dostojewskij auch in diesem Roman beste Voraussetzungen: Die Geschichte der nihilistischen Revolutionäre, die eine russische Provinzstadt in dämonischer Absicht heimsuchen, wird von einem gewissen Anton Lawrentjewitsch (grandios: Andrea Nicolini) erzählt, der selbst nur am Rande in die Geschehnisse involviert ist, als genauer Beobachter aber sehr szenisch berichtet.

Seit der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 sind die von Post-Dekabristen erhofften Reformen ausgeblieben. Die befreiten Bauern hungern, das Volk leidet unter Armut, junge Herrensöhne unter teuflischer Langeweile. Der Generalssohn Nikolaj Stawrogin (Ivan Alovisio) übt eine geheimnisvolle Faszination auf junge Frauen und Intellektuelle aus - letztere versuchen vergeblich, ihn als Anführer ihres konspirativen Kreises zu gewinnen, der einen (historisch belegten) "politischen Mord" plant. Der Kampf mit seinem Dämon lässt Stawrogin die schrecklichsten Verbrechen völlig kaltherzig ansehen. Er zerstört die Menschen, die ihn umgeben. Treibt Frauen in den Ruin, Männer in den Tod und ist von einer negativen Passivität gefesselt.

Der Menschengott

Auf der kargen Bühne Peter Steins, auf der als einzige Requisiten bescheidene Sitzgelegenheiten und russische Teppiche zu liegen kommen, sticht besonders Kirillow (famos: Fausto Russo Alesi) hervor, der seinen Selbstmord plant und dabei für Dostojewskij wesentliche Überlegungen anstellt: Der Mensch hat Gott aus Angst vor dem Tod erfunden. Überwindet er nun diese Angst und also Gott, wird er selbst zum Menschengott. Der realisierte Unglaube wird zur Besessenheit der Dostojewskij-Figuren, denn er widerspricht ihrer Persönlichkeit. In einer Schlüsselszene bekennt Stawrogin, er bliebe mit Christus, selbst wenn dieser "außerhalb der Wahrheit" läge. Die Liebe zu Russland vom Glauben an die Wahrheit der göttlichen Schönheit zu trennen - daran scheitern die "Nihilisten" mit grausamen Folgen.

Zahlreiche Figuren mit ihren Geschichten umflechten Stawrogin, verhüllen das Geheimnis seiner fatalen, negativen Ausstrahlung mit ihren Dialogszenen.

Trotzdem sind die Dämonen, und das stellt sich bei Stein vor allem im ereignisreichen dritten Teil heraus, wesentlich schwieriger auf eine Bühne zu stemmen als ihr Bruderroman Verbrechen und Strafe (durch Andrea Breth bei den Salzburger Festspielen 2008). Die individuellen Überlegungen Raskolnikows in Verbrechen und Strafe wachsen in den Dämonen zu den Problemen einer ganzen Gesellschaft an.

Daraus ergeben sich zwei konkrete Bühnenprobleme. Erstens muss viel Personal vorgestellt und betreut werden: Detailliertest ausgearbeitete Charaktere (allen voran die brillante Maddalena Crippa als ebenso harsche wie gütige Warwara Petrowna) werden in manchen Szenen von nur schemenhaft angelegten, "unfertigen" Figuren behelligt. So kann es passieren, dass sich der Wiener Zuseher nach einigen in höchster Schauspielkunst gebotenen Szenen im nächsten Auftritt bei einer Stellprobe wähnt.

Zweitens gibt es in den Dämonen zahlreiche Außen- sowie schwierige Massenszenen, bei denen das reine Erzähltheater versagt und eindeutige inszenatorische Maßnahmen nötig gewesen wären. Zu Beginn des dritten Teils, wenn sich hochdramatische, auf der Bühne naturalistisch nicht darstellbare Ereignisse überstürzen, changiert Steins Schauspiel zwischen Drama und Klamauk. Das ist umso bedauernswerter, als das fantastische Ensemble das Spielniveau unermüdlich hochhält. Tosender Applaus für ein überwältigendes Literaturerlebnis. (Isabella Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

  • Ein russischer Generationenkonflikt im Salon der einflussreichen Warwara
 Petrowna (Maddalena Crippa, in Schwarz).
    foto: tommaso le pera

    Ein russischer Generationenkonflikt im Salon der einflussreichen Warwara Petrowna (Maddalena Crippa, in Schwarz).

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