Vom Paukenschlag in die Zeit des Energiewandels

4. Juni 2010, 16:28
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Ab den 70er-Jahren waren es Konflikte um Fragen der Energiegewinnung, die ein ökologisches Bewusstsein weckten. Jetzt wird langsam deutlich, dass wir uns bereits im Umbruch des Energiezeitalters befinden

Wien – Die erbitterte Auseinandersetzung um das AKW Zwentendorf, die eine ganze Nation spaltete und 1978 in einer Volksabstimmung gipfelte. Oder der Kampf gegen das in den 1970er-Jahren geplante größte Speicherkraftwerk Österreichs in Osttirol, die Rettung etwa der Umbalfälle durch das Höchstgericht im Jahr 1985 – und die spätere Realisierung des Nationalparks Hohe Tauern. Und nicht zuletzt 1984 auch der erbitterte Höhepunkt im Kampf gegen das Kraftwerksprojekt bei Hainburg: die Besetzung der Stopfenreuther Au und die spätere Errichtung des Nationalparks Donauauen.

Diese Ereignisse markierten in Österreich den Beginn der ökologischen Bewegung. Seither haben immer wieder Paukenschläge auf dem Energiesektor die Entwicklung eines Bewusstseins für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung begleitet. Etwa europaweit die Diskussion um sauren Regen und das drohende Waldsterben in den 1980er-Jahren, ausgelöst durch den Schadstoffausstoß infolge rasch steigenden Energieverbrauchs in den Bereichen Industrie und Verkehr.

Dann der Super-GAU von Tschernobyl am 26. April 1986, als mit einem Schlag weltweit das Bewusstsein geweckt wurde, dass auch die Atomenergie keine saubere und sichere Lösung der Energiefrage ist. In der Folge beispielsweise die erbitterten Auseinandersetzungen um das Endlager in Gorleben und die Castor-Transporte in Deutschland. Oder der oberösterreichische Widerstand gegen das AKW von Temelín.

Und immer wieder Öl, Öl, Öl: Die Ölpest nach dem Untergang des Öltankers "Exxon Valdez" 1989. Der Kampf gegen das Versenken des Öltanks „Brent Spar“ 1995. Und zuletzt der Untergang der "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko – nur eine kleine Auswahl der Folgen des weltweiten Ölhungers.

Dies und gleichzeitig Ereignisse wie der seit Jahren schwelende und immer wieder aufflackernde Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine machten vielen deutlich, wie sehr unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem zu einem massiven Anteil auf den Verbrauch von nicht erneuerbaren, fossilen Rohstoffen.

Das Ende der Pipeline

Und am anderen Ende der Pipeline: Die Folgen der exzessiven Nutzung fossiler Energieträger – die 2008 in der internationalen Debatte um die Folgen des Ausstoßes an Treibhausgasen und den drohenden Klimawandel gipfelten.

Nach mehr als 30 Jahren wird nun langsam deutlich, dass sich in diesem Zeitraum nicht nur das Bewusstsein für die Dringlichkeit einer umweltgerechteren Entwicklung herausgebildet hat – sondern dass wir uns bereits mitten in einer Zeit des Umbruchs und des tiefgreifenden Wandels befinden.

Waren es erst die Grün-Parteien, die eine Öko-Kompetenz auf ihre Fahnen hefteten, kann es sich inzwischen keine Partei mehr leisten, ohne ein Programm mit dem Titel "Nachhaltigkeit" anzutreten. Immer mehr Gemeinden wie das österreichische Güssing haben sich die Energie-Autarkie oder –  Schweden als erstes Land 2005 – den Öl-Ausstieg zum Ziel gesetzt. Dazu Programme für Gebäudesanierungen, politische Vorgaben für die Reduzierung des Spritverbrauchs für Neuwagen oder Förderungen für Elektromobilität.

Inzwischen gibt es kaum noch einen Wirtschaftszweig, der es sich leisten kann, auf den Ökogedanken zu verzichten – zumindest in der Werbung muss er präsent sein. Und immer mehr Betriebe setzen darauf, dass der Themenzwilling Ökologie und Energie in den kommenden Jahren weiter zu einem Boomfaktor werden wird.

Dass seitens der Bevölkerung/der Konsumenten die entsprechende Nachfrage kein Wunschdenken ist, zeigt, wie begierig entsprechende Förderungen für Investitionen willkommen geheißen werden. Sei es für die Anschaffung von Solaranlagen, Sanierungen oder auch nur den Austausch von alten Eiskästen. Auch wenn das Motiv oft weniger der hehre Öko-Gedanke sein mag – sondern der nüchterne Blick aufs eigene Geldbörsel. (Roman David-Freihsl und Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

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