Männerdiskriminierung in den Wiener Öffis

6. Juni 2010, 08:48
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Die Klage eines pensionierten Richters, weil männliche Fahrgäste länger Vollpreis bezahlen müssen als weibliche, liegt dem Verfassungsgerichtshof vor - und wirft Fragen auf

Im Streit um die Gleichbehandlung von Mann und Frau haben Frauen den größeren Aufholbedarf - vor allem, wenn es ans Eingemachte, also Ökonomische geht, wie der jüngste österreichische Frauenbericht zeigt. Daher ist bemerkenswert, dass gerade Männern Aufmerksamkeit - oder gar Abhilfe - winkt, wenn sie gegen Benachteiligung in ökonomischen Zusammenhängen auftreten. Man erinnere sich an die verbilligten Fußballländerspieltickets für Frauen, gegen die ein Wiener vor den Verfassungsgerichtshof (VfGH) ging. Aus fallspezifischen Gründen verlor er, doch nicht in der Sache selbst: Der Österreichische Fußballbund hatte den Frauenbonus schon von sich aus abgeschafft.

Nun hat es vor wenigen Wochen ein weiterer Fall männerspezifischer Ungleichbehandlung bis vor den Verfassungsgerichtshof geschafft: Im Konflikt um die Pensionistenjahreskarten bei den Wiener Linien regten ein pensionierter Wiener Richter und sein Anwalt, Helmut Graupner, auch gleich mit an, die Angelegenheit vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg prüfen zu lassen.

Denn Männer kommen erst mit 65, Frauen hingegen schon mit 60 in den Genuss der Öffi-Halbpreistickets um 224 Euro statt 449 Euro. Und diese Altersermäßigung wird starr und sozial keineswegs treffsicher gehandhabt: Jede 60-jährige Frau hat das Recht auf sie, jeder 64-jährige Mann (noch) nicht, egal wie beide ökonomisch dastehen und ob sie schon in Pension sind oder nicht. 

Somit ist wahrscheinlich, dass einzelne einkommensstarke, noch nicht pensionierte 60-jährige Kommerzialrätinnen verbilligt öffentlich unterwegs sind, während eine Reihe von 64-jährigen männlichen Langzeitarbeitslosen den Vollpreis zahlen muss. Das ist diesen Männern gegenüber ungerecht und könnte tatsächlich in Widerspruch zur EU-Gleichbehandlungsrichtlinie stehen, die Ungleichbehandlung allein wegen des Geschlechts ausschließt. Sollte es der Verfassungsgerichtshof auch so sehen, könnte es mit dem Öffi-Frauenbonus bald vorbei sein - wer weiß? Warum, fragt man sich angesichts dessen, kommen angleichende Maßnahmen beim großen Thema Frauenlöhne, mit horrender Minderbezahlung von Frauen für die gleiche Arbeit von bis zu 18 Prozent in einzelnen Branchen, so vergleichsweise mühsam vom Fleck?

Irene.Brickner@derStandard.at

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