"Halb so viel Energie, zu 90 Prozent erneuerbar"

4. Juni 2010, 16:41
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Trotz Widerständen glaubt Ernst Ulrich von Weizsäcker an die Öko-Wende. Der nächste Zyklus müsse ein von Umwelttechnologien getriebener sein, alles andere wäre ein Desaster, sagte er im STANDARD-Interview

STANDARD: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie an die Millionen und Abermillionen Tonnen Rohöl denken, die sich in den letzten 45 Tagen aus einem Bohrloch in den Golf von Mexiko ergossen haben?

Von Weizsäcker: Eine Riesentragödie – für die Fischer, die Anrainer, BP und die Umwelt. In derselben Gegend hat 2005 der Wirbelsturm „Katrina“ gewütet. Das hat damals zu einer Kehrtwende im Bewusstsein der Amerikaner geführt.

STANDARD: Nachhaltig?

Von Weizsäcker: Leider nein. Der „Katrina“-Schock hat etwa drei Jahre gehalten, bis zum Wahlsieg Barack Obamas. Dann hat sich das alles wieder verflüchtigt.

STANDARD:  Anscheinend wollte BP keine 500.000 Dollar für ein Ventil ausgeben, das den GAU hätte verhindern können. Falsch gespart?

Von Weizsäcker: Ganz Sicher. Vorher weiß man nicht, ob es die falsche oder richtige Stelle ist. In einer Zeit, wo Shareholder-Value und Globalisierung dominieren,  den Konzernen jeder verpasste Zehntelprozentpunkt Rendite angekreidet wird, ist es leider so, dass immer wieder an den falschen Stellen gespart wird. Für BP ist das eine Riesenkatastrophe.

STANDARD: Wegen des Imageschadens?

Von Weizsäcker: Nicht nur. Auch finanziell ist es ein Wahnsinn. Für kein Privatunternehmen ist es außerdem angenehm, sich mit dem US-Staat bis weit hinein ins Lager der Republikaner zu verfeinden.

STANDARD:  Hat diese Katastrophe etwas Gutes?

Von Weizsäcker: Sie kann wieder eine Bewusstseinsänderung auslösen. Wer aber glaubt, dass sich womöglich der American Way of Life ändert, irrt. So etwas dauert viel länger und bedarf sehr viel größerer Korrekturen, als man sie innerhalb der Ölindustrie vornehmen kann.

STANDARD: Was müsste geschehen?

Von Weizsäcker: In dem Buch Faktor Fünf (Koautoren: Karlson Hargrove, Michael Smith; Anm.) sprechen wir von einer technologischen Revolution, einem neuen, langfristigen Technologiezyklus. Bisher hatten wir es mit fünf sogenannte Kondratieff-Zyklen zu tun, die irgendwann alle abgeflacht sind. Mit IT und Biotech ist es jetzt schon so weit. Beide werden nicht mehr als modern empfunden.

STANDARD:  Zyklen werden kürzer?

Von Weizsäcker: Die werden in der Tat etwas kürzer. Die Frage ist, ob es einen sechsten oder siebenten Zyklus gibt, wie er aussieht, wer ihn dominiert. Die letzten zwei Zyklen sind eindeutig von den Amerikanern dominiert worden. Ich halte nur noch einen ökologischen Wachstumszyklus für vertretbar. Ein expansiver Zyklus wäre ein Desaster, die jüngste Ölkatastrophe ein Klacks dagegen.

STANDARD:  Trauen Sie den Europäern zu, dieses Pferd zu reiten?

Von Weizsäcker: Durchaus. Europa kann diesen Zyklus gemeinsam mit Ostasien inklusive China dominieren. Die Amerikaner sind so in ihrem Energieverbrauchsrausch gefangen, die kommen so schnell nicht heraus.

STANDARD:  Derzeit ist Europa mit Schnüren von Sparpaketen beschäftigt. Unter dem Diktat der leeren Kassen könnten doch auch Umweltschutzmaßnahmen hintangestellt werden?

Von Weizsäcker: Das ist richtig, wenn auch nicht zwingend. Man könnte sparen, wo Umwelt verbraucht wird, und investieren, wo weniger Umwelt, Mineralien, Energie, Wasser vergeudet werden. LED statt Autobahn. Das würde zudem sparen helfen, weil Autobahnen im Vergleich zu LED (Leuchtdioden; Anm.) wahnsinnig teuer sind.

STANDARD: Aber die Akzentverschiebung, die Sie fordern, ist in den Sparpaketen nicht erkennbar?

Von Weizsäcker: In Korea schon. Die haben den Zug der Zeit erkannt und sagen, sie wollen übermorgen wirklich reich werden. Deswegen machen sie jetzt die Akzentverschiebung. Die Europäer wollen heute, spätestens morgen reich sein und verlieren wertvolle Zeit, die Amerikaner auch.

STANDARD: Wie sieht die Energieversorgung in Europa 2050 aus?

Von Weizsäcker: Wir werden höchstens noch halb so viel Energie brauchen, die zu 90 Prozent erneuerbar sein wird.

STANDARD: Zur Rettung des Finanzsystems wurden Unsummen aufgestellt, bei der Bekämpfung des Hungers und bei der Rettung der Lebensgrundlagen kommt man kaum vom Fleck. Wieso?

Von Weizsäcker: Bei den Banken handelte es sich um einen medizinischen Eingriff zur Rettung des Systems. Es ging darum, den ganz großen Kollaps abzuwenden und eine Situation wie anno 1932 zu verhindern. Das war eine reine Notnagelpolitik, nicht Langfristpolitik.

STANDARD: Aus den Versprechungen, die internationalen Finanzmärkte zu regulieren, ist bis dato nichts geworden. Die beharrenden Kräfte scheinen stärker zu sein?

Von Weizsäcker: Die Schuldigen kann man beim Namen nennen: Es sind dies der angelsächsische Zeitgeist und all jene, die daran verdienen. Sie sehen im Staat das Problem und im Markt die Lösung. Obwohl sich das längst als falsch herausgestellt hat, haben die Angelsachsen nichts dazugelernt.

STANDARD: Die Übertragung ökonomischer Spielregeln auf die Ökologie hat auch nichts gebracht – Stichwort CO2-Handel. Wieso?

Von Weizsäcker: Man muss unterscheiden zwischen marktgängigen und ökonomischen Instrumenten. Marktgängige sind eine Einladung an Spekulanten. Zum Beispiel wurde eine Riesen-Schweinefarm in Mexiko mit Carbon Credits (Verschmutzungsrechte; Anm.) gefördert. Dem Buchstaben nach war es korrekt, was ablief. Dennoch war es hirnrissig.

STANDARD: Was empfehlen Sie?

Von Weizsäcker: Ein ökonomisches Instrument, bei dem das, was Schaden anrichtet, teurer wird.

STANDARD:  Auch Energie?

Von Weizsäcker: Vor allem Energie. Man muss eine langfristig vorhersehbare, sozial- und wirtschaftsverträgliche Verteuerung dieses knappen Gutes herbeiführen.

STANDARD:  In Deutschland hat die rot-grüne Koalition das versucht.

Von Weizsäcker: Das mit der Mineralölsteuererhöhung war ein vernünftiges Programm, 300.000 Jobs wurden gesichert. Ingenieurskunst hat Saudi-Öl substituiert. Die deutsche Wirtschaft wurde unglaublich gestärkt.

STANDARD: Ihr Vorschlag?

Von Weizsäcker: Die Preise sollten in Proportion zu den dokumentierten Effizienzgewinnen steigen. Ist die Autoflotte beispielsweise 2011 um zwei Prozent effizienter als 2010, kann der Spritpreis 2011 auch um zwei Prozent steigenen, plus Inflationsrate. Der gefahrene Kilometer würde dadurch aber nicht teurer.

STANDARD: Und wo ist der Anreiz?

Von Weizsäcker: Im Markt. Ist der Nachbar schneller als ich, hat er den Vorteil. Heute gewinnen jene, die unter Missachtung sozialer und klimatischer Gesichtspunkte den schnellen Euro machen. Wenn sich eine Korrektur in Richtung einer langfristigen, kalkulierbaren Preiserhöhung politisch durchsetzt, verschieben sich auch die technologischen Prioritäten.

STANDARD: Den Menschen ist das alles zumutbar?

Von Weizsäcker: Unbedingt. Man kann ja gewisse sozialpolitisch motivierte Konzessionen machen, die ersten zehn Liter im Monat steuerfrei halten. Aufhören muss man mit dem Prinzip, dass Energie per se subventioniert wird, wie das heute leider noch der Fall ist.

STANDARD:  Sie haben wie kaum ein anderer die umweltpolitischen Debatten der letzten Jahrzehnte geprägt. Was waren rückblickend die größten Erfolge?

Von Weizsäcker: Vor Erscheinen des Buchs Faktor Vier (1995; Anm.) war der Fokus der Umweltpolitik hauptsächlich auf Schadstoffe ausgerichtet. Stickoxide, Dioxine, Cadmium – in Milligramm gemessen – waren das ganz große Thema. Die Megatonnen hat man hingegen vergessen. Das hat sich in den letzten Jahren zum Glück geändert. Man redet über große Bereiche wie Energie Landwirtschaft und anderes.

STANDARD:  Und Misserfolge?

Von Weizsäcker: Dass die Finanzindustrie in so arroganter Weise das gesamte erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts beherrscht, hätte ich nicht für möglich gehalten. Als es den Kommunismus noch gab, war das Kapital gezwungen, eine Allianz mit den demokratisch gewählten Staaten zu bilden gegen die Gefahr aus dem Osten. Das hat unter anderem Mitbestimmung, progressive Einkommenssteuern sowie scharfe Umweltgesetze politisch ermöglicht. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde versucht, das wieder zurückzudrehen.

STANDARD:  Mit der Globalisierung ist eine Schwächung der Nationalstaaten einhergegangen. Was müsste geschehen, damit die nationalen Regulierungsbehörden wieder mehr Biss bekommen?

Von Weizsäcker: Die Balance zwischen Staat und Markt müsste wieder hergestellt werden. Dazu wäre es notwendig, globale Regeln durchsetzen. Dann könnte ein Staat nicht mehr so leicht gegen den anderen ausgespielt werden, wie das heute leider der Fall ist.

STANDARD:  Wie soll gelingen, was schon in Europa nicht klappt?

Von Weizsäcker: Bisher haben wir uns nur gefragt: Wollen wir diese Regeln weltweit oder – wenn sie nicht weltweit durchsetzbar sind – wollen wir sie nicht? Es läuft immer auf das nicht hinaus. Deshalb muss man jetzt eine Koalition der Willigen machen und die Regeln so schneidern, dass die Nichtmitmacher einen Nachteil haben. Wenn wir Europäer mit den Ostasiaten in Sachen Effizienztechnologien einfach losstürmen und die Ökosteuer so dimensionieren, dass diejenigen Länder, die sie einführen, einen Vorteil haben, dann wird auch der Rest folgen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

Zur Person: Ernst Ulrich von Weizsäcker (70) ist einer der einflussreichsten Umweltexperten. Der Chemiker und Physiker war u. a. Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, saß für die SPD im Bundestag und ist Träger des Deutschen Umweltpreises. Derzeit leitet der Autor mehrerer Bücher, darunter Faktor Fünf, eine Arbeitsgruppe des UN-Umweltprogramms Unep zum Ressourcenschutz. Weizsäcker, der an diversen Universitäten gelehrt hat, ist Mitglied des Club of Rome und Vater von fünf Kindern.

  • Energie muss langfristig und kalkulierbar teurer werden: Umweltexperte 
Ernst Ulrich von Weizsäcker.
    foto: newald

    Energie muss langfristig und kalkulierbar teurer werden: Umweltexperte Ernst Ulrich von Weizsäcker.

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