Fanal im Golf von Mexiko zum Ende des "Easy Oil"

4. Juni 2010, 16:44
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Die Ölkatastrophe nach dem Untergang der "Deepwater Horizon" macht auf schmerzhafte Weise deutlich: Das Ende der einfachen Ölförderung ist längst erreicht. Experten warnen vor einer drohenden Energiekrise

Wien – Die täglichen Meldungen von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, die Bilder des immer noch unaufhaltsam in 1500 Meter Tiefe ins Meer ausströmenden Öls schockieren seit dem Untergang der Förderplattform "Deepwater Horizon" am 22. April die Öffentlichkeit.

Doch Michael Cerveny hält dem entgegen: "Wir sind BP. Österreich verbraucht im Jahresschnitt zweieinhalbmal so viel Öl fürs Heizen, elfmal so viel an Treibstoffen." Cerveny ist Energieexperte der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) und warnt als profunder Kenner der internationalen Peak-Oil-Debatte seit dem Vorjahr: "Nach der Wirtschaftskrise kommt die Energiekrise."

Als Peak-Oil wird jener Moment bezeichnet, zu dem das weltweite Erdölfördermaximum erreicht wird (siehe Wissen). Ob dies schon erreicht wurde oder ob dies in den nächsten Jahren der Fall sein wird oder gar erst viel später – darüber wird in Expertenkreisen heftiger denn je diskutiert.

Neuerdings wird auch gerne der Begriff Peak-Demand gebraucht – also dass nur ein Höhepunkt der weltweiten Ölnachfrage erreicht werde. Aber Cerveny fragt: "Wo ist der Unterschied? Nachfrage richtet sich immer nach dem Angebot. Hätten wir billigeres Öl, gäbe es mehr Nachfrage, no na. Für mich ist das eine Haarspalterei." Der Untergang der "Deepwater Horizon" ist jedenfalls ein Fanal für die Tatsache, dass die Zeit des "Easy Oil" vorbei ist – sprich: Um neue Ölquellen zu erschließen, müssen immer aufwändigere und teurere Fördermethoden angewandt werden. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, im Golf von Mexiko Öl in 1500 Meter Tiefe zu fördern, gäbe es noch ausreichend "Easy Oil" aus Quellen nahe der Erdoberfläche.

Ein Beispiel: 2008 wurde der größte Ölfund seit 25 Jahren gefeiert: Das Feld "Tupi" vor São Paulo mit rund acht Milliarden Barrel Öl. Allerdings: Dort ist das Meer nicht 1500 sondern 3000 Meter tief, und das Öl lagert dann noch unter einer 3000 Meter dicken Salzschicht und ist in dieser Tiefe entsprechend aufgeheizt. "Kein Mensch weiß derzeit, wie man das erhitzte Öl über die eiskalte Meerestiefe fördern soll", relativiert Cerveny. Vor allem aber: "Diese acht Milliarden Barrel sind der Weltbedarf von drei Monaten." Zum Vergleich: Das größte bekannte Ölfeld ist "Ghawar" in Saudi-Arabien. Es wurde 1948 entdeckt, und in ihm schlummerten 100 Milliarden Barrel Öl. Derzeit werden dort schätzungsweise noch fünf Millionen Barrel gefördert – pro Tag. Die Betonung liegt auf noch.

Cerveny ist allerdings kein einsamer Rufer in der Ölwüste: Aufsehen erregten auch die Warnungen sowohl der Internationalen Energieagentur (IEA) als auch aus der US-Energiebehörde, dass im Zeitraum 2013–2015 eine Energiekrise drohe – allerdings mit der Begründung, dass wegen der internationalen Wirtschaftskrise große Erschließungsprojekte neuer Ölfelder abgeblasen wurden.

Der World Energy Outlook 2008 der IEA ging hingegen davon aus, dass die weltweite Ölproduktion bis 2030 von 86 auf rund 104 Millionen Barrel pro Tag gesteigert werden könne. Allerdings ging auch dieses Szenario davon aus, dass der Ertrag aus derzeit produzierenden Feldern drastisch zurückgehen wird. Allein um den Status quo der Förderung aufrechtzuerhalten, müsste aus schon entdeckten sowie derzeit noch unbekannten Feldern bis 2030 der sechsfache Ertrag Saudi-Arabiens gefördert werden. Dazu kämen noch Erträge aus verflüssigtem Erdgas beziehungsweise aus Teersanden – Letzteres ist aber derzeit eine ökologisch mehr als bedenkliche Fördermethode. Überdies erschien wenig später in der britischen Zeitung Guardian ein Interview mit einem anonymen Mitglied der IEA, der seither in der Szene "Whistle-Blower" genannt wird. Denn laut seiner Aussage würde niemand in der IEA tatsächlich davon ausgehen, dass eine Förderung bis 2030 deutlich über 90 Millionen Barrel pro Tag möglich sei.

Auch diese leichte Steigerung würde bedeuten, dass sie nur mit aufwändigeren Fördermethoden möglich wäre, was nicht nur den Ölpreis in die Höhe triebe, sondern auch den Netto-Energieertrag. Denn das Verhältnis der zur Förderung eingesetzten Energie zum Energieertrag des geförderten Öls lag zu Zeiten des "Easy Oil" bei 1:100. Bei heutigen Explorationen lautet das Verhältnis 1:15. Und bei Teersanden nur bei 1:2,5 bis 1:3.

Sollten nun die düsteren Prognosen der Ölskeptiker tatsächlich stimmen: Kann ein Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion diesen Mangel kompensieren? Cerveny ist auch hier Realist – oder Skeptiker, je nach Sichtweise: "Es dürfen keine falschen Hoffnungen geweckt werden, dass das im Ölbereich auf uns zukommende Problem rasch und einfach durch den Umstieg auf andere Energieträger lösbar wäre." Denn 2008 lag der Anteil der Energieproduktion aus Windkraftwerken und Solarkollektoren "jeweils im Bereich von einem Promille des Weltenergieverbrauchs. Wenn diese stark boomenden Wirtschaftssektoren weiterhin mit 30 Prozent pro Jahr wachsen, dann werden diese Energieformen dennoch erst zwischen 2015 (Windkraft) und 2027 (Fotovoltaik) die Ein-Prozent-Marke überschreiten." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

Links:

Wissen: Der Gipfel der Ölförderung

Der Begriff Peak-Oil beruht auf Berechnungen des Geophysikers Marion King Hubbert. Er hatte bereits 1949 gewarnt, dass das Zeitalter der fossilen Brennstoffe nur sehr kurz sein würde. Hubbert hatte die Förderraten amerikanischer Ölfelder analysiert und entdeckt, dass sie sich annähernd analog einer grafischen Glockenkurve entwickeln. Hubbert rechnete diese Entwicklung auf die wahrscheinlichen "insgesamt gewinnbaren Ölreserven" der Erde hoch und kam zu dem Schluss, dass das Fördermaximum 1990 bis 2000 erreicht würde. Spätere Berechnungen zeigten, dass diese Prognose zu pessimistisch war. Peak-Oil-Experten weisen aber darauf hin, dass die Exporte "flüssiger Energieträger" 2004 bis 2008 weltweit auf hohem Niveau stagnierten. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise sanken die Exporte wieder. (frei)

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    Abendstimmung bei der Ölförderung: Um die Produktion aufrechtzuerhalten, kommen immer aufwändigere und teurere Methoden zum Einsatz.

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