Schlaues Wasser mit Honig

4. Juni 2010, 16:38
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Na bumm, dachte ich mir. Der Mann gefällt mir. Ich werde ihn nicht mehr aus den Augen lassen. Doch das erwies sich als schwierig.

Der Mann war zu viel für mich. Thomas Edlinger über den Autor Dietmar Dath.

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Es war zum Jahreswechsel 1999/ 2000. Dietmar Dath trug damals noch gern eine Arbeiterkappe, schrieb seit kurzem als der wie aus dem Nichts kommende Chefredakteur das deutsche Popkulturmagazin Spex voll - und konnte schon bald stolz vermelden, das schlechtestverkaufte Heft aller Zeiten verantwortet zu haben. Zuvor war mir der Bon-Jovi- und Pat-Benatar-Fan mit einem metatra-shigen Spezialheft über "mürrische Musik" und vertrackten Essays über Probleme (zum Beispiel der Physik oder des Geschmacks) und Lösungen (in Form des Kommunismus) aufgefallen. Nun notierte der schon damals wie manisch nebenbei auch Science-Fiction-Romane und Übersetzungen unters Volk werfende, noch nicht dreißigjährige Freigeist aus Freiburg anlässlich einer Würdigung der hundert besten Platten aller Zeiten über eine seiner Metal-Götter-Lieblinge, die Ungustln von Slayer: "Politisch war's ganz große Scheiße, aber wer das nicht erlebt, geliebt und verehrt hat, soll sich eine Hirtenflöte in den Darmausgang rammen und die eigene Zunge zerkauen. Sinnloser Hass auf alles: ein ganz wichtiger Ausgangspunkt für jeden normalen Menschen im 20. Jahrhundert."

Na bumm, dachte ich mir. Der Mann gefällt mir. Ich werde ihn nicht mehr aus den Augen lassen. Doch das erwies sich als schwieriger als gedacht. Denn Dath war zu viel für mich. Im nächsten Jahrzehnt schrieb er mehr, als manche lesen. Kurze Zeit und schätzomativ drei Bücher später, im Jahr 2000, verließ Dath das sinkende Schiff Spex so, wie er es geentert hatte. Das Blatt wurde verkauft, zog von Köln nach Berlin und wurde von der nächsten Generation wiederbelebt.

Für den Schriftsteller aus der Provinz war das Blattmachen aber ohnehin nie eine dauerhafte Option gewesen. Genauso wie später, als er bei der FAZ in Frankfurt anheuerte und dort Wissenschaftsredakteur wurde. Eine Zeitlang profitierten Arbeitgeber und Arbeitnehmer offensichtlich von einander. Das Traditionsblatt hatte sich eine schillernde Figur, eine vorgeblich freischwebende (in Wahrheit aber immer an einer Veränderung der schlechten kapitalistischen Praxis interessierte) Intelligenz eingekauft, und diese Intelligenz brannte sein Ideenfeuerwerk ab und zapfte dafür die besten Köpfe und ihre Archive an, die diese Kommandobrücke der kommentierenden Klasse zu bieten hatte.

Während im Wirtschaftsteil die Lehre des Neoliberalismus verteidigt wurde, verbreitete sich Dath aber nicht nur wie vom Feuilleton erwünscht über die Hermeneutik von Star Wars oder die Zurückweisung eines linksfolkloristischen Haschisch-Schamanismus, sondern empfahl auch finanzkraftzersetzende Lektüre wie die des als letzter Kommunist geltenden DDR-Dichters Ronald M. Schernikau. So viel nicht bloß liberaler, sondern perfiderweise marxistischer Eigensinn ging der Mainhattaner Zentrale scheinbar irgendwann doch zu weit, und die Vernunftehe zwischen der "Erhabenen Zeitung" (so heißt die FAZ in Daths aktuellem Buch Deutschland macht dicht) und dem "manischen Aufklärer" (Die ZEIT) wurde wieder geschieden. Möglicherweise war das von ihm im Zuge der immer stärkeren öffentlichen Präsenz als freier Schriftsteller (für dessen Werkvertrieb sogar eigene Kleinverlage wie der Verbrecher- oder der Implex-Verlag gegründet wurden) ohnehin geplant; vielleicht beruhte sie aber auch von Anfang an auf einem Missverständnis.

Anscheinend glaubte man in der Führungsetage der Zeitung, Dath kokettiere bloß mit dem Radical Chic einer linken Geste. Doch Dath meinte und meint es vollkommen ernst mit seinem Anliegen einer Praxis werdenden Wortmächtigkeit - trotz seiner Neigung zu rotzigem Witz, Blut- und-Beuschel-Drastik und nach wie vor gering geschätzten Kulturformen wie Splatter, Porno oder Science-Fiction, mit der er systematisch die Gravität des sorgenfaltigen Dichters unterhöhlt (während er andererseits in einem Internet-Interview wiederum als wichtigste Bücher der Welt musterschülermäßig die Bibel, Homer und alles von Shakespeare nennt).

Alle narrativen Sicherungen

Nehmen wir nur das (im letzten Monat noch halbwegs aktuelle) Werk des laut Eigendefinition "auf Buchmessen Sektenverlage bestehlenden Drecksacks" , die Revolutions-Fantasy-Fibel Deutschland macht dicht. Hier brennen endgültig alle narrativen Sicherungen durch. Der vom Verlag als politisches Bilderbuch beworbene Irrwitz plumpst nämlich in eine Raumzeitfalte oder so ähnlich. Genaueres dazu weiß der Autor hoffentlich selbst, schließlich hat Dath ja auch einmal Physik studiert und sich in Romanen und Sachbüchern intensiv mit höherer Mathematik auseinandergesetzt. Jedenfalls lösen sich in diesem schwarzen Loch der Erzähllogik nicht nur die Unterschiede zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Dingen und noch dazu auch gleich ein Machtregime namens Deutschland auf. Nebenbei häutet sich auch der Text: einmal als manichäisches Revolutionsmärchen, als (Jugend-) Sprachspiel, als Gesellschaftssatire und am Ende gar auch als eine kommunistische Offenbarung.

Wir stürzen mit dem rasenden Teleporter in eine Welt, in der fast alles möglich ist, was nach gedank-licher Öffnung schmeckt und die Kräfte der (nationalen und individuellen) Abschottung in die Luft sprengt. Neben einem mörderischen Stinkekäse mit islamistischem Bewusstsein namens Kamikäse tauchen hier auch noch Figuren wie ein weiser Hase, ein Cowboy-Jesus und die Wirkkraft der Kunst in Form eines sprechenden Gemäldes namens Ohne Titel auf. All diese "Figuren" (oder soll man sagen: animierten Ideen?) geben zusammen mit aus unserer Gegenwart hinübergeretteten Zeitungsredakteuren, Millionärsgattinnen und renitenten Jugendlichen das Personal für eine verstrahlte Agit-Prop-Vision einer ungebärdigen Zukunft ab. "Sind diese ganzen Welten vielleicht nur eine Welt? Wie hängt alles zusammen?" , wird am Ende gefragt, und die 15-jährige Heldin Rosalie Vollfenster antwortet: "So wie wir's verbinden."

Man könnte Deutschland macht dicht als eine weitere, vielleicht bislang weitestgehende Lockerungsübung von Dath sehen. Hier wirkt alles wie in der Zentrifuge, schwebend und leicht.

In gewisser Weise kann man das schmale Büchlein als Antipode zum 2005 erschienenen, mehr als tausendseitigen Opus Magnum Für immer in Honig sehen. Dieser Wälzer hat im Bemühen, alles, was Dath laut Nachwort seit 1994 gedacht hat, zu bündeln, et-was grandios Angestrengtes. Hier hetzen wir, angetrieben vom Ka-tastrophen-Kapitalismus, quer durch die Jahrzehnte und Kontinente, in ein apokalyptisches Weltbürgerkriegsszenario. In seinem tolldreisten Anspruch der Totalität von Weltdarstellung lässt sich dieses Unternehmen am ehesten mit den Schlittenfahrten eines Thomas Pynchon vergleichen, der ebenfalls auf die Maßlosigkeit und die unendliche Verknüpfbarkeit der erzählbaren Wahrnehmungen und Einsichten pocht. Bei - im Unterschied zum vom Vielleser Dath verehrten US-Amerikaner (der auch Daths Nähe zur Physik und den Naturwissenschaften teilt) - vernebelt Dath aber nicht jede Spur, die zum Autor aus Fleisch und Blut führen könnte. Wie in vielen anderen seiner Bücher (etwa in der gewitzten Musikjournalismus-Nachbetrachtung Phonon, die die Redaktion des Spex in einem Baumhaus ansiedelt), verstecken sich auch in Für immer in Honig ein paar Prozent Dath in mehreren Figuren. Umgekehrt mutiert das kaum verklausulierte Roman-Alter-Ego Robert Rolf zum Voodoomeister, der zu Zombifizierungen und Exorzismen fähig ist. Am Ende von Für immer in Honig steht die eine Hälfte des Globus in Flammen. Zu allem Überdruss stehen aber sogar die Hingemetzelten wieder auf von den Toten und eroberten das, was die Seuchen in der anderen Hälfte der Welt noch übriggelassen haben.

Neben dem Motiv der mit Splatter- und Fantasy-Effekten unterfütterten Entgleisung ist auch Daths Kritik an einer überspitzten Diskursanalyse eine wiederkehrende Konstante. Ginge es nach der, polemisiert Dath einmal gegen Foucault, dann gäbe es gar keine Gegenstände mehr, weil die Gegenstände ja ohnehin nur bloße Effekte der Diskurse seien, die sie durch ihre Behandlung erst nachträglich produzieren. Dath aber glaubt, bei aller Liebe zu wildem Denken und verwilderten Formen, nach wie vor an eine Wirklichkeit da draußen. Man müsste sie bloß ändern.

Keiner von uns ist der Boss

In dem Thriller-Jugendroman-Bastard Waffenwetter lässt er etwa eine 19-jährige Abiturientin sagen: "Jeder Mensch hat Probleme, aber meine mag ich am allerwenigsten." Damit aus dem Problem des Einzelnen eine Lösung für viele wird, hält Dath ein handfestes Leitmotiv parat: "Wir sind nur das, was wir gegen sie tun." Der Satz findet sich im Nachwort von Für immer in Honig und stammt von Lenin. Jahre später, im Sommer 2008, wollte das der mittlerweile bekennende FDP-Wähler und Journalist Ulf Poschardt immer noch zur Kenntnis nehmen und bekam auf die Frage, ob die revolutionären Handlungsanleitungen à la Lenin als Provokation gedacht seien, zur Antwort: "Ja, genauso wie der Vorschlag ,Trink mal was!‘ bei schwerem Durst."

Neben diesem kalauernden Dath gibt es aber noch viele andere. Den, den man, wie ich um 2005, trotz mehrerer Anrufe und Mails nicht erreichen kann, weil er gerade in Arbeit und Recherchen versinkt. Den, der sich verschmitzt mit Alexander Kluge über eine von dessen TV-Sendungen unterhält, dabei an der Aktualität des jungen revolutionären und des alten, analytischen Marx festhält - und dabei so sanftmütig wirkt wie ein guter Hausarzt. Und schließlich den, der gegen das Elend der Welt ein altes Prinzip hochhält: die Liebe.

Die Liebe, die Dath als Möglichkeit der Freiheit in menschlichen Beziehungen interpretiert - arbeitsteilig, aber nicht hierarchisch: "Du machst was anderes als ich, aber keiner von uns ist der Boss." Man kann Daths Auffassung davon auf einer befremdlich schönen CD beim Wachsen zuhören. Vor kurzem erschien Im erwachten Garten, ein Hörbuch, unterstützt von der deutschen Band Kammerflimmer Kollektief. Der von Dath eingesprochene Text ist ein Appendix zu dessen vieldiskutiertem Roman Die Abschaffung der Arten aus dem Jahr 2008. Die Stimme streichelt da zu filigranen Sounds Zukunftsvisionen von hermaphroditischen Idealen, schlauem Wasser, flüsternden Nadelbüschen und attraktiven Haifischzähnen. Liebe in einem fernen Jahrhundert halt, geboren allerdings aus "sinnlosem Hass auf alles", wie ihn Slayer im alten 20. Jahrhundert in die Gitarren dreschen mussten. (Thomas Edlinger, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

Zur Person:
Thomas Edlinger, geb. 1967 in Wien, studierte Germanistik und Philosophie. Er arbeitete u. a. für die "Musicbox" (Ö3) und moderiert heute gem. mit Fritz Ostermayer auf FM4 die Sendung "Im Sumpf" . Er ist außerdem freier Autor und Kurator (Lentos, Linz). Zuletzt erschien "Die Traumprotokolle der Sumpfisten" (Czernin 2009).

  • Dietmar Dath, "Für immer in Honig" , Roman. Berlin, Implex Verlag 2005 (Neuauflage: Verbrecher Verlag 2008).
  • Dietmar Dath, "Die Abschaffung der Arten" , Roman. Suhrkamp Verlag 2008.
  • Dietmar Dath, "Deutschland macht dicht" ,Roman. Suhrkamp Verlag 2010.
  • Dietmar Dath meint es vollkommen ernst: zuletzt mit der 
Revolutions-Fantasy-Fibel "Deutschland macht dicht" , bei  der alle 
narrativen Sicherungen endgültig durchgebrannt sind.
    foto: peter peitsch

    Dietmar Dath meint es vollkommen ernst: zuletzt mit der Revolutions-Fantasy-Fibel "Deutschland macht dicht" , bei der alle narrativen Sicherungen endgültig durchgebrannt sind.

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