Das intelligente Netz für die windige Stromzukunft

4. Juni 2010, 16:59
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Der Boom bei Solar- und Windkraftwerken bringt die Stromnetze schon jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen - Um den Stromfluss künftig intelligent steuern zu können, werden EU-weit Milliarden investiert

Wien – Das Stromnetz kann mit der Krone eines Baumes verglichen werden: Die dicken Kabelstränge von den Kraftwerken zu den Umspannwerken und dann immer dünnere Kabel-Äste zu den Netzstationen und von dort weiter die dünnen Ästchen bis zu den einzelnen Stromkunden. Und genau das ist das Problem, mit dem die Energieversorgungsunternehmen jetzt zu kämpfen haben. Denn waren es früher fette Kraftwerke, die kontinuierlich Strom einspeisten – so werden es immer mehr kleine Produktionsstellen, über das ganze Land verteilt, die je nach Witterung und Tageszeit einmal einspeisen, dann wieder nicht – seien es etwa Windräder oder Fotovoltaikanlagen.

Im Großen bedeutet das: Wenn in Nordeuropa der Wind anspringt, und die Windparks an und in der Nordsee auf Touren kommen – macht sich das im Netz bis nach Italien bemerkbar. Und im Kleinen heißt das: Wenn viele kleinere Windräder und Sonnenstromproduzenten einspeisen "habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich mache alle Kabel im Netz gleich dick – oder aber ich kann die Stromverteilung im Netz intelligent steuern", erläutert Reinhard Brehmer, Geschäftsführer der WienEnergie-Stromnetz.

Diese Möglichkeit, den Stromfluss im Netz zu steuern, nennt man "Smart Grid" – ein System, in das derzeit europaweit zig Millionen investiert werden. Allein vonseiten der EU-Kommission werden im Rahmen des "SET-Plans" insgesamt zwei Milliarden Euro für Zuschüsse in den kommenden zehn Jahren bereitgestellt. Der Ausbau des europäischen Stromnetzes wird nach Einschätzung des Branchenverbandes allein in den kommenden fünf Jahren zwischen 23 und 28 Mrd. Euro kosten. Dabei geht es um Leitungen mit einer Länge von 18.700 Kilometern.

Denn das Problem wird sich noch weiter verschärfen – schon jetzt zeichnet sich die Zukunft der großen Stromproduktion in Europa ab: Riesige Windparks im Norden und die thermische Solarproduktion im Süden Europas – auch unabhängig vom großen Wüstenstrom-Projekt "Desertec". Allein dafür laufen auf EU-Ebene die Planungen für "Super Grids": Neue, fette Leitungsstränge, die den Strom vom Norden und Süden zu die Verbraucher in Mitteleuropa transportieren sollen.

Und dazu kommen unzählige kleine, verteilte Stromproduzenten. Bisher wurde auf der Netzseite allerdings nur bei Umspannwerken der Stromdurchfluss gemessen – und dort nicht einmal die Richtung des Stromflusses. "Künftig muss man aber genau erfassen können, wer wann wo einspeist", erläutert Brehmer. Das heißt, es müssen unzählige zusätzliche Messstationen installiert und deren Daten vernetzt werden.

So soll es künftig möglich sein, dass bei einer Überproduktion von erneuerbarem Strom automatisch mögliche Abnehmer im Netz gefunden – und bei einer Flaute nicht dringend gebrauchte Abnehmer abgeschaltet werden. 

Eine andere Möglichkeit wäre es, überschüssigen Strom zu speichern. Die wenigsten Energieverluste gibt es bei Pumpkraftwerken: Mit überschüssigem Strom wird Wasser in die Speicherkraftwerke in den Alpen hinaufgepumpt – das später bei hoher Nachfrage genützt werden kann.

Bei einem anderen möglichen Speichersystem hat die anfängliche Euphorie allerdings inzwischen der Ernüchterung Platz gemacht: Hatte man gemeint, dass eine große Flotte an Elektromobilen gleichzeitig als Stromspeicher genützt werden könne, meint Brehmer jetzt: "Das wäre mit sehr hohen Energieverlusten verbunden. Bei der E-Mobilität wird es wohl eher in Richtung gezieltes Aufladen der Batterien gehen."

Die nächsten Schritte im Ausbau der Stromnetze werden derzeit auf EU-Ebene in einer Taskforce mit drei Arbeitsgruppen verhandelt. Für den Juni wird ein erster Zwischenbericht erwartet, Ziel ist es, ein Verhandlungspapier für die europäischen Gremien vorlegen zu können. Denn letztlich geht es um eine politische Frage: Was geht vor? Die gewünschte stärkere Reduktion des CO2-Ausstoßes durch forcierten Ausbau nachhaltiger Kraftwerke – oder der in der EU ebenso gewünschte freie (Strom-)Markt. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

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