Blick in die Grube

4. Juni 2010, 16:36
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Was passiert, wenn uns das letzte Stündchen schlägt? Julian Barnes hat versucht, seine Angst vor dem Tod in einem großen Buch zu bannen

"Auf die Distanz könnten sie nicht einmal einen Elefanten treffen" : Diesen schaurig-schönen letzten Satz schreibt die Geschichte dem amerikanischen Bürgerkriegsgeneral John Segdwick zu: Kaum hatte er ihn ausgesprochen, da wurde er auch schon, in der Schlacht bei Spotsylvania Court House im Zentrum des Bundesstates Virginia, von der Gewehrkugel eines konföderierten Scharfschützen tödlich verletzt.

Solche famous last words sind rar geworden, meint der britische Schriftsteller Julian Barnes in Nichts, was man fürchten müsste, seinem 2008 in England publizierten und jetzt in deutscher Übersetzung erschienenen monumentalen Buch über den Tod. Die Umstände, unter denen der Mensch der Gegenwart häufig stirbt, nämlich in der geschäftsmäßig-technischen Atmosphäre des Krankenhauses, fördern eher ein undramatisches Verröcheln als den pointierten Abschied à la Sedgwick.

Im Endeffekt bleibt sich die Sache freilich gleich: Gestorben wird damals wie heute, und eine schöne Sache war der Tod zu keiner Zeit. "Der Blick in die Grube ist harte Arbeit" , gesteht sich Barnes ein. Sukzessive demontiert der Schriftsteller eine sophistische Todeströstung nach der anderen und stößt dahinter stets aufs Neue auf eine "Scheißangst" vor dem Sterben, die ihm seit der Jugend zu schaffen macht. Auf die Möglichkeit, dass sich das Bewusstsein im Augenblick des Todes barmherzig zersetzen könnte und der Mensch sein sprichwörtliches letztes Stündchen gar nicht mehr als solches wahrnimmt, setzt der Skeptiker Barnes wenig Hoffnung. Vielleicht, ängstigt er sich, wird "die Furcht, die wir im Voraus empfinden - und die uns so absolut vorkommt - am Ende nichts gegen das sein, was uns wirklich bevorsteht."

Nein, Nichts, was man fürchten müsste ist kein Erbauungsbuch, kein Buch, das den Leser mit billigen Per-aspera-ad-astra-Versprechungen einzulullen versuchte. Nicht einmal dem Privileg des Schriftstellers, in seinem Werk zu "überleben", kann Barnes etwas abgewinnen. Irgendwann wird auch der letzte Leser seiner Bücher gestorben sein. Dann wird es niemanden mehr geben, der sein Werk überhaupt wahrnehmen kann, diesen "Kratzer an der Wand unserer Gefängnismauer" , mit der der Dichter zeigen wollte, dass auch er einst hier gewesen ist. Unter dem Aspekt der Ewigkeit gibt es für einen wie Barnes - dem Namen nach Christ, dem Glauben nach Agnostiker - keinen Trost.

So wenig aber Barnes den absoluten Schrecken des Todes relativiert, so wenig setzt er seine persönliche Art des Umgangs mit dem Tod absolut. Nichts, was man fürchten müsste ist über weite Strecken eine Vergleichsstudie über die sehr verschiedenen Wege, auf denen Menschen an Theorie und Praxis des Todes herangehen. Die Vorstellungen unterscheiden sich dabei oft stark von der Realität, das liegt in der schwer kalkulierbaren Natur der Sache. Der Auffassung vom Tod als einem Ironiker widmet Barnes folgerichtig besonderes Augenmerk.

Häufig zu Wort kommt Jonathan, der älterere Bruder von Julian, ein Berufsphilosoph von lapidarem und stoischem Naturell, der die antizipierende Beschäftigung mit dem Tode als unnötige Sentimentalität beiseiteschiebt. Ein anderer Strang des meisterhaft und vielschichtig gebauten Buches gilt den Todes-, aber auch den Lebensgeschichten von Barnes' Eltern und Großeltern, sodass Nichts, was man fürchten müsste auch zur Biografie einer Familie wird, die, nebenbei, an Exzentrizität wenig zu wünschen lässt.

Vor allem aber ruft Barnes eine Reihe großer Schriftstellerkollegen auf, um deren Ansichten über den Tod bzw. ihre tatsächlichen Todesumstände zu debattieren. Überwiegend setzt der große Frankreichkenner Barnes auf das Pantheon der französischen Literatur: Montaigne, Stendhal, Flaubert, Daudet, Zola - er verschied in einer "psycho-melodramatischen Szene" an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung -, Camus und immer wieder der verehrte Jules Renard, welcher im Alter von bloß 46 Jahren verstarb, nachdem er zuvor grimmig befunden hatte, der Tod sei "kein Künstler" .

Aber natürlich ist der Tod keine exklusiv französische Angelegenheit, und so erfahren wir bei Barnes auch von den grauenhaften Todesängsten des Olympiers Johann Wolfgang von Goethe; von Turgenew, der im Umgang mit der Endlichkeit auf das Verdrängen setzte, auf den "slawischen Nebel" - während der 2005 verstorbene amerikanische Spitzenmanager Eugene O'Kelly nach der Diagnose eines inoperablen Hirntumors die ihm verbleibenden drei Lebensmonate mit einer sachorientierten Akribie abwickelte, die einzig und allein dem Ziel galt, auch noch den Tod zu einem Erfolg zu machen: Nachdem er seine letzte To-do-Liste abgearbeitet hatte, schloss O'Kelly zufrieden die Augen.

Diese Erfolgsgeschichte bleibt freilich eine Ausnahme. Julian Barnes entlässt seine Leser letztlich ohne Trost, dafür aber mit dem Gefühl, ein reiches, humanes und umwerfend ehrliches Buch gelesen zu haben. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

Julian Barnes "Nichts, was man fürchten müsste" . Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.€ 19,95 / 336 Seiten. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2010

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    Nur in seltenen Ausnahmefällen ist der Tod glitzernd und glamourös: "For the Love of God" , ein diamantenbesetzter Schädel des britischen Künstlers Damien Hirst.

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