Der Mörder ist immer der Papa

4. Juni 2010, 16:36
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Familiengeschichte als vergnüglicher Ausflug an den Rand des Wahnsinns: Der Australier und sein tolldreister Romanziegel "Vatermord"

Angloamerikanische Debütromane neigen ja gern einmal zur inhaltlichen Überfrachtung. Anders als etwa der deutsche Schriftsteller von Weltrang durchaus dazu geneigt ist, der jeweiligen Tagesbefindlichkeit seiner Protagonisten oder der Betrachtung der schönen Natur zwischendurch ein ganzes Kapitel zu weihen, klappern die Amis, Engländer und Briten in diesem Umfang oft den Stoff von drei Münchhausiaden in den Computer. Geschult an medialer Überfrachtung durch Multitasking hat man schließlich nicht ewig Zeit, um den Leser und vor allem sich selbst zu langweilen.

Der im australischen Sydney geborene Steve Toltz schießt mit seinem in deutscher Übersetzung 800 Seiten starken literarischen Debüt diesbezüglich den Vogel ab. Er kombiniert in dichten, knappen und auf den Punkt gebrachten Haupt-, Seiten- und Nebenherhandlungen nicht nur das Mittel der Münchhausiade mit klassischer Slapstickkomik des Hollywoodkinos. Neben einer Paraphrase auf das Thema des guten alten Hildebrandsliedes und einer rasanten Reise durch die Weltgeschichte versucht sich Steve Toltz mit der One-Liner-Technik Woody Allens auch an philosophischen Weltbetrachtungen.

Eine tatsächliche Inhaltsangabe ist aufgrund der Überfülle dieses zudem bei höchstem Tempo ablaufenden Episodendramas kaum möglich. Im Wesentlichen aber geht es natürlich darum, den deutschen Romantitel mit jenem des englischsprachigen Originals zu kombinieren: Vatermord und andere Familienvergnügen trifft auf A Fraction of the Whole. Welterklärung als Welterfassung steht auf dem Spielplan. Einmal alles, bitte. Aber dies mit genügend Pointen, um im Zweifelsfall eine US-Vorabendserie am Laufen halten zu können.

Die Geschichte beginnt in einem Gefängnis. Jasper Dean, der bis zuletzt weitgehend ohne eigenes ausgeprägtes Profil bleibende Erzähler, sitzt im Gefängnis und erzählt die Geschichte seines Vaters Martin und von dessen Bruder Terry. Der eine zählt im heimatlichen Australien zu den meistgehassten Männern, der andere wird als Volksheld verehrt. Es geht in dem Buch neben einer fundierten Medienkritik auch um ein Kaleidoskop einiger wesentlicher verbrecherischer Potenziale der Menschheitsgeschichte. Apropos Volksheld: Serienmord an korrupten Sportlern zählt dabei sicherlich zu den skurrilsten; ebenso das Bemühen des Volksfeindes Martin, des abgrundtief gehassten Vaters und Feindbildes, die australische Nation mit demokratischen Mitteln zu einer Gesellschaft der Millionäre zu machen.

Toltz hat sich laut eines britischen Kritikers dabei erzählerisch auf die Technik des "hysterischen Realismus" festgelegt. Dieser bleibt sprachlich mitten im Leben verankert, hüpft aber, so wie die menschliche Wahrnehmung und das Denken es tun, sprunghaft zwischen den Themen hin und her.

Ein Beispiel: "Die Menschen sind erstaunlich geschickt darin, Fröhlichkeit vorzutäuschen. Es ist ihnen beinahe zur zweiten Natur geworden, so wie sie nach dem Telefonat in der Klappe des Münztelefons nach Kleingeld tasten. Brett war einsame Spitze darin, bis zum allerletzten Moment. O Mann, ich hab mit einem Mädchen gesprochen, das sich noch zehn Minuten, bevor er sprang, mit ihm unterhalten hat, und sie sagte, sie hätten übers Wetter geredet!"

Übersetzt wurde dieser Romanziegel vom bewährten deutschen Duo Clara Drechsler und Harald Hellmann, längst Spezialisten auf dem Gebiet für jüngere, heftigere und mitunter derbe angloamerikanische Literatur. Sie tappen in der Adaption dieser Dringlichkeit nicht in die Falle der Schnoddrigkeit, sondern halten geraden Kurs. Dies macht die Luft- und Bocksprünge in Vatermord und andere Familienvergnügen vergnüglich wie erträglich.

Der Leser stolpert so durch die französische Terroristenszene. Er verirrt sich im lebensbedrohlichen Dschungel von Thailand. Er macht Zwischenstation auf einem modernen Piratenschiff und in der Kunstszene ebenso wie in einer psychiatrischen Klinik und in einem Striptease-Club. Dazwischen erfährt man Wissenswertes aus den menschlichen und gesellschaftlichen Brennpunkten Sex und Ehe, Kinder und Schlafmangel, Religion, Politik, Sport.

Die Geburt der menschlichen Tragödie findet allerdings ausschließlich in der Familie statt. Glückliche Kindheit? Geht ja gar nicht. Wissenschaften wie die Psychoanalyse gründen sich ausnahmslos auf den großen Katastrophen im kleinen Rahmen.

Steve Toltz, der Weltbürger mit Wohnorten in Sydney, Neuseeland, Spanien, den USA und zuletzt Paris hat sich diese Kenntnisse und Erkenntnisse nicht nur durch Lektüre erworben. Seine Erwerbsbiografie bis zum mit dem Booker Prize nominierten Schriftsteller kann mit dem Begriff "klischeeverdächtig" beschrieben werden. Er arbeitete unter anderem als Englischlehrer, Callshop-Verkäufer, Detektiv und Wachmann. Ein starkes, überbordendes Debüt. (Christian Schachinger, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

Steve Toltz , "Vatermord und andere Familiengeschichten" . Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. € 22,95 / 800 S. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010

  • Weltbürger mit klischeeverdächtiger Erwerbsbiografie und einem starken 
Romandebüt: Steve Toltz.
    foto: deutsche verlags-anstalt

    Weltbürger mit klischeeverdächtiger Erwerbsbiografie und einem starken Romandebüt: Steve Toltz.

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